Band 19: Das christlich-muslimische Gespräch, das heute im Orient wie im Abendland geführt wird, steht in einer ehrwürdigen Tradition und ist so alt wie der Islam selbst. Positive wie negative Erfahrungen, die dabei in der Vergangenheit auf beiden Seiten gemacht wurden, dürften für die Erfordernisse der Gegenwart aus der Sicht des Islam wie der des Christentums hilfreich sein. Aus diesem Grund sollten wir unsere zersplitterten Bemühungen gewaltfrei koordinieren, organisieren und einander wahrnehmen lassen!
Die „gewaltfreie Hermeneutik“ versucht Religionen, Menschen und die heiligen Schriften von der Vormundschaft der Gewalt zu befreien und zu einer gewissen Vollendung zu führen. Ihr Ergebnis ist der moderne „gewaltfreie Dialog“, den wir leben, und der, von der religiösen Welt ausgehend, die gesamte Welt umfassen soll. Im Sinne der Gewaltbekämpfung ist der „gewaltfreie Dialog“ zum vorherrschenden Grundsatz unserer Zeit zu erheben.
Der „gewaltfreie Dialog“ weist auf einen anderen, positiveren Weg in einer deutlichen Sprache hin, dessen Streben für alle Menschen wünschenswert und ebenso notwendig ist. Er versucht Ansätze für den physischen wie psychischen Dialog und Neues zum Nachdenken anzubieten, das für den weiteren Lebensweg nützlich ist.
Der „gewaltfreie Dialog“ markiert den Rahmen, in dem die gewaltfreie Begegnung der Menschen mit den vielfältigen geistigen, weltanschaulichen und religiösen Kräften unserer Zeit geschieht. Dies beruht auch auf der Erfahrung, dass durch den gewaltfreien interreligiösen Dialog die Religion in der modernen säkularen Welt keineswegs ihre Bedeutung verloren hat, sondern eher ein neues Gewicht bekommt.
Diese Studie will spüren lassen, wie befreiend die Perspektive des schiitischen gewaltfreien Dialogs wirkt, indem sie die alten, längst zu eng gewordenen Konzepte aufbricht, von denen das traditionelle religiöse Verhältnis und Verständnis bestimmt war. Hier lässt sich ein Ansatz finden, der es dem religiösen Menschen ermöglicht, sich einer Welt rascher Veränderung zu öffnen. Er soll die erforderliche Gewaltfreiheit praktizieren und sich, in voller Freiheit, verpflichtet fühlen, an den der Menschheit gemeinsam gestellten Aufgaben teilzunehmen.
Durch den „gewaltfreien Dialog“ werden wir „uns einer Situation weltweit bewusst, die alle Religionen gemeinsam mit gesellschaftlichen und kulturellen Systemen konfrontiert, die die Menschen versklaven, und mit der Notwendigkeit, für die Gerechtigkeit zu kämpfen. Die Religionen sollten daher zusammenfinden, um die befreienden Elemente, die in ihnen liegen, zu heben und sie miteinander zu teilen. Im Sinne einer Ökumene der Befreiung sollte es eine Art des interreligiösen Dialoges geben, bei dem es um den Beitrag geht, den die verschiedenen Religionen zur Befreiung des Menschen leisten können.“
Dazu gehört nicht nur das Reden, sondern auch das Hören, das Fühlen, das Bewusstsein, das gemeinsame Leben mit dem Anderen, die Bereitschaft, seine Erfahrungen - und gerade seine tiefsten, die religiösen - wahrzunehmen und daraus zu lernen.
Gewaltfreiheit befreit uns, führt uns aus gewaltlegitimierenden Zugängen heraus in einen echten gewaltfreien Dialog mit Menschen und Religionen und verheißt die Entdeckung neuer Dimensionen des Verständnisses unseres Glaubens und unserer Religionen. Dies kann als Grundsatzerklärung unserer gewaltfreien Methode gelten.
Das bedeutet, dass Dialog nicht nur ein Mittel ist, um gemeinsame Werte zu finden, sondern auch eine Möglichkeit, die tiefere Bedeutung und Praxis des eigenen Glaubens zu vermitteln.
Hamid Kasiri
Prof. Dr. Hamid Kasiri (Amin-ul-Islam Mazandarani) ist Moslemtheologe der schiitischen Tradition und ein internationaler Wissenschaftler, der sich - im Zuge seiner Studien der islamischen und der christlichen Theologie bzw. der schiitischen und der katholischen Glaubenslehre - mit interkulturellem und interreligiösem Dialog und der Theologie der Religion beschäftigt. Geboren ist er am 22.06.1964 in Mazandaran/Iran. 1970-1982 Grund- Mittel- und Oberschule. 1982-1991 Grundstudium der Philosophie und der islamischen Theologie an der islamischen Hochschule in Qum. M. A. Studium der klinischen Psychologie an der Universität Teheran. 1991-1997 Aufbaustudium der höchsten Stufe Jurisprudenz und Rechtstheologie und Rechtsphilosophie, Koranexegese und Theognostik (islamische Mystik). 1997-1999 Forschungsassistent für Religious Studies. 1997-2004 Doktoratsstudium der Katholischen Fachtheologie. 2009-2013: „Senior Postdoc“ Habilitand an der Universität Wien. Projekt: „Gewaltfreie Hermeneutik“. Im Jahre 2011 wurde er wegen seiner akademischen Verdienste als wissenschaftliche „Ausnahmepersönlichkeit“ in Österreich gewürdigt. Zu seinen Karrieren gehören mehrere Theorien, Buchreihen und seine Monografien über islamische Wissenschaften an Universitäten gelten heute als Klassiker. Er ist Gründer und Inhaber des „ILogos Verlags“ und des „ILogos Chair“ in Wien/Österreich und in Qum/Iran.
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