Es ist unhöflich, traurig zu sein. Es widerspricht der Etikette. Ich muss mich entschuldigen, in letzter Zeit war es besonders schlimm. Eigentlich war es immer gleich schlimm – aber die Traurigkeit hat in letzter Zeit Gefallen gefunden am lauten Sprechen, am Wüten und Kaputtmachen.
Ist es nicht an der Zeit, wirklich außer Acht zu lassen, was ich nicht mehr glauben kann? An der Zeit, jener Logik einen Raum zu geben, die sich hinter meiner Traurigkeit verbirgt? Der Versuch einer kleinen, privaten, von der Hoffnung befreiten Anthropologie. Der Versuch zu einer Expertise der Nüchternheit.
Welche Leichtigkeit hat dagegen die Entscheidung, gegen eine bestimmte Unterdrückung oder Ungerechtigkeit, gegen irgendeinen Zustand – oder auch gegen beliebige Windmühlen zu kämpfen. Der Unterschied scheint akademisch, ist aber fundamental: Alle Bestrebungen, die aus dem Bewusstsein des Guten heraus begründet wurden, sind zu Katastrophen ausgeartet. Erst im Namen des Guten wird der Mensch wirklich bestialisch.
Attila Boa
geboren 1966 in Bern, Studium der Philosophie und Theaterwissenschaft an der Universität Bern, auf Filmproduktionen in verschiedenen Positionen von Beleuchtung bis Regie tätig.
Lebt als Kameramann in Wien und im Waldviertel.
Belletristische Darstellung Essay Traurigkeit