Der Doppelgänger ist eines der faszinierendsten Motive der Kulturgeschichte. Bislang wurde er in der Forschung vorwiegend als literarisches Phänomen betrachtet. Diese Studie rückt stattdessen die weitreichenden Folgen der Medienwechsel ins Zentrum und untersucht das Motiv konsequent intermedial.
Die Arbeit verfolgt die Wandlungen des Doppelgängers von der Antike bis in die Gegenwart. Indem sie die Literaturen der jeweiligen Epoche – von der Romantik über die Weimarer Republik bis zur Gegenwartsliteratur – den neuen Medien gegenüberstellt, wird deutlich, wie sehr sich das Motiv vom frühen Autorenfilm (Der Student von Prag) bis zu heutigen Online-Games (League of Legends) verändert. Damit einher geht ein radikaler Wandel der Autorschaft: Waren es einst Literaten und Filmemacher, die das „andere Ich“ erschufen, schreiben sich heute User und Gamer als Erzählende ihrer eigenen Doppelstrukturen aktiv in digitale Welten ein.
Ein besonderes Augenmerk liegt auf einem in der Forschung oft marginalisierten Aspekt: der spezifischen Entwicklung weiblicher Doppelgängerfiguren. Indem Freuds kulturtheoretisches Konzept des Unheimlichen produktiv auf Filme und digitale Welten ausgeweitet wird, liefert die Arbeit völlig neue Perspektiven auf ein Phänomen, das im Zeitalter der Avatare eine ungeahnte Aktualität erfährt.
INHALT
1. Einleitung 1
2. Forschungszugänge 23
2.1 Der Doppelgänger als Artefakt der romantischen Geistesgeschichte – Wilhelmine Krauss 24
2.2 Drei-Stufen-Modell des Doppelgängers – Sandro Moraldo 27
2.3 Neun Prämissen zum Doppelgänger – Andrew Webber 28
2.4 Böse Schatten – Olaf Koob 30
2.5 Drei Haltungen des Doppelgängers – Christof Forderer 31
2.6 Kategorien des Doppelgängers – Chava Eva Schwarcz 35
3. Der Doppelgänger im Wandel der Zeit 38
3.1 Vom Dämon zur psychologischen Gestalt 44
3.2 Von der psychologischen Gestalt zur psychoanalytischen Figur 52
3.3 Von der psychoanalytischen Figur zum ästhetischen Phänomen 66
4. Romantische Ich-Angst 86
4.1 Ein Narrativ zwischen Witz und Entsetzen 93
4.2 Die literarischen Doppelgänger im romantischen Programm von E.T.A. Hoffmann 100
4.3 Ur-Doppelgängerinnen: Olimpia und Clara in Hoffmanns Der Sandmann (1816) 111
4.3.1 Weiblichen Doppelgängern auf der Spur 117
4.3.2 Analyse von Clara und Olimpia als Doppelstrukturen im Text 126
5. Expressionistischer Ich-Verlust 132
5.1 Der schockierende Filmdoppelgänger 139
5.1.1 Fantastisch verdoppelt 142
5.1.2 Maschinen-Ich 145
5.2 Das Unbehagen einer Gesellschaft: Doppelgänger in den Autorenfilmen Der Student von Prag und Der Andere 151
5.2.1 Antlitz, Augen und Blicke des Doppelgängers 157
5.2.2 Äußerungen, Sprache und Sprechen des Doppelgängers 171
5.2.3 Gebärden, Symbole und Semiotik des Doppelgängers 176
5.2.4 Spiegel und Somnambule als Doppelgänger 184
5.3 Unheimliche Uniformiertheit bei Fritz Lang und Irmgard Keun 190
5.3.1 Viele Maschinenmänner und eine Maschinenfrau 193
5.3.2 Die kunstseidene Doppelgängerin 198
6. Gegenwartsmediale Ich-Spaltung 210
6.1 Ich online: bedroht und entfesselt 223
6.1.1 Außer-sich-Sein im Kommunikationsraum Internet 228
6.1.2 Visuelle und textuelle Figuren der Selbsterzählung 238
6.2 Multiplikation durch Massenmedien in Daniel Kehlmanns Ruhm 246
6.2.1 Virtuelle Persönlichkeitskonstruktion 255
6.2.2 Kontrolle und Flucht mithilfe des eigenen Doppelgängers 261
6.2.3 Mediale Ich-Fragmentierung 265
6.3 Ich und mein Avatar: Spaltungsfantasien im Onlinespiel League of Legends 267
7. Fazit 285
8. Literaturverzeichnis 294
8.1. Untersuchte Werke 294
8.2 Eingesehene Primärliteratur 294
8.3 Sekundärliteratur 296
8.4 Onlinequellen 324
8.5 Filme und Serien 325
8.6 Spiele und Onlinemedien 327
8.7 Bildmedien- und Abbildungsnachweise 327
Annabel Louise Kramp
Doppelgänger in Literatur und Kultur Avatar E.T.A. Hoffmann, Der Sandmann Irmgard Keun, Das kunstseidene Mädchen Sigmund Freud, Das Unheimliche Fritz Lang, Metropolis Daniel Kehlmann, Ruhm Max Mack, Der Student von Prag Stellan Rye, Der Andere League of Legends Charlie Brooker, Black Mirror