Hippe Hanne Hanne Von einer, die auszog, kein Fürchten zu lernen

Von einer, die auszog, kein Fürchten zu lernen

von Hippe Hanne

EUR 28,00

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Beschreibung

„Berlin brennt, Köln pennt!“ Das war einer der Sprüche, der Eva besonders gut gefiel und den sie mit tausenden jungen Menschen auf dem Neumarkt zum Abschluss der Notstandsdemonstration aus voller Kehle brüllte. Oh, wie gut tat es, in einer Menschenmenge so laut zu brüllen. Und alle brüllten dasselbe, das war der Clou daran. Das hob die Stimmung noch mehr. Man fühlte sich gleich als Teil eines großen Ganzen, tanzte sozusagen in einem alles umspannenden Wir- Gefühl. Das war etwas ganz anderes als das „ Kölle Alaaf“ im Karneval. Dieser Spruch war ja irgendwie ohne Sinn, das hier jedoch, was sie jetzt zusammen brüllten, das besaß Bedeutung und war wirklich wichtig. Eva überlegte. Oder war etwa beides auf unerklärbare Weise miteinander verwandt und hing letztlich doch irgendwie zusammen? ›Hoch die internationale Solidarität‹ und ›Kölle Alaaf‹? Quatsch. Eva schob diesen bizarren Gedanken sofort weit weg. Das laute Brüllen von Sprüchen zusammen im Chor war für Eva ein völlig neues Erlebnis, das, wie sie vermutete, möglicherweise süchtig machen konnte. Ein unerwarteter, ein flüchtiger, ein winziger Rausch. Neben dem ganz großen Rausch, dem Verliebtsein. Verliebt zu sein, so wusste Eva nun, musste der Zustand im Leben eines jeden Menschen sein, der alles andere in den Schatten zu stellen vermochte. Davon konnte man zwar singen und auch einiges lesen, aber wirklich beschreiben konnte man dieses Gefühl nicht, nur selbst am eigenen Körper und der Seele, nicht zu vergessen mit dem Herzen, erleben. Es war ein Zustand, der besoffen machte, der befreite und einen komischerweise zugleich in Fesseln legte. Wie ging das denn?
Im ersten Teil des Romans ist die Protagonistin Eva, die mit ihrem jüngeren Bruder bei der alleinerziehenden Mutter aufwächst, Schülerin an einem gemischten Gymnasium in Köln. Dem ersten Gymnasium der Domstadt, in dem Mädchen und Jungen in einem Klassenraum zusammensitzen durften. Als »experimentell« erachtete man das damals, auch wenn Eva und ihre Freundinnen keinen blassen Schimmer haben, warum. Hauptthemen der Mädchenclique sind Schwärmereien für Jungs, Sexualität, geprägt von Unwissen, Angst und Unsicherheit, und nicht zuletzt die erste große Liebe, Beatmusik und Mode, die Antibabypille, sowie Verweigerungen und Einschränkungen, die Eva erfährt, weil sie weiblich ist. Auf der verzweifelten Suche bei ihrer Mutter Antworten auf die Frage zu finden, warum es den Zweiten Weltkrieg gegeben hatte und was genau die Nazis getan hatten, scheitert sie immer wieder daran, dass diese Generation nicht an ihre traumatischen Erlebnisse erinnert werden möchte. Findet sie Antworten beim ›Schülerkampf‹, zu dessen Treffen sie heimlich geht? Was geschah auf der Flucht der Mutter aus Schlesien? Warum fühlt sich Eva heimatlos und fremd in Deutschland? Keine Heimat zu haben, ›un-heimatlich‹ zu sein, hat das etwas mit ›unheimlich‹ zu tun? Ist es unheimlich, wenn man ohne Heimat ist? Und woher kommt Evas Begeisterung für Großbritannien? Schon in ihrer Schulzeit pflegt sie viele Brieffreundschaften mit englischen Mädchen und träumt von einem Leben im Land der Beatles, der Kinks und der Rolling Stones. Warum will sie partout dorthin auswandern? Im zweiten Teil des Romans studiert sie ab 1971 in Heidelberg, lebt in unterschiedlichen Wohngemeinschaften und erlebt, was dort passiert beziehungsweise nicht passieren darf. Sind Wohngemeinschaften etwa die neue Familie, eine Heimat, die endlich Sicherheit verspricht? Maoistische Kaderzellen entpuppen sich bald als kleinkarierte Gartenzwergkolonien, anarchistische Sponti-Zirkel als Macho-Schmieden. Theo, ihr alter Kumpel aus der Teeniezeit, ist im Umfeld der RAF gelandet und will sich bei Eva auf der Flucht verstecken. Micki, ihr erster Schwarm, ist schwul, muss es jedoch verbergen. Noch bedeutet ›vom anderen Ufer‹ zu sein, kriminalisiert zu werden, und auch die linke Szene hat dafür weder Verständnis noch Toleranz. Evas Schulfreundin Böttscher engagiert sich bei der neuen Frauenbewegung und bietet der desillusionierten Eva, die aufbrach, alles zu ändern, sich selbst eingeschlossen, eine Heimat mit Frauen an. Eva nimmt dieses Angebot schließlich, wenn auch skeptisch, an, kombiniert jedoch am Schluss gleich drei Optionen: Women’s Lib, klar, aber bitte in England, wo die emanzipierte Frau sich auch schminken darf. Und so zieht sie aus, die linke, rebellische und frauenbewegte Eva, in das Land der Engel, um weiterhin kein Fürchten zu lernen. All das hat die Autorin Hanne Hippe – irgendwie – auch selbst erlebt. Aber es bleibt ein Roman.

Autor*in

Hippe Hanne
Geboren 1951 in Frankfurt am Main, aufgewachsen in Köln, studierte Hanne Hippe in Marburg und Heidelberg Deutsche Literaturwissenschaft, Philosophie und Politische Wissenschaften. Mit ihrem Magister Artium in der Tasche folgte sie ihrer Sehnsucht nach der grünen Insel und lebte einige Jahre in Irland und dann in Großbritannien, wo sie an den Universitäten von Sheffield und Bradford Deutsche Literatur und Landeskunde lehrte. 1985 kehrte sie zurück nach Köln und arbeitete als Journalistin. Über dreißig Jahre lang hat sie für die gesamte ARD, primär im Bereich Hörfunk, Features geschrieben und als Regisseurin Beiträge produziert. Ihre Themen lagen in den Bereichen Kultur, Umwelt und Gesellschaft. Landesschwerpunkte bildeten Irland, Großbritannien, Norwegen, Island und Italien. Beim WDR Hörfunk moderierte sie Live-Sendungen, für RT L eine Kultursendung – Kanal 4-Huckepack. Für den Fernsehsender ARTE hat sie gearbeitet und war als Journalistin in vielen Ländern unterwegs. Ab 1995 bildete sie JournalistInnen in Deutschland und der ganzen Welt aus. Ihre Lehrtätigkeit führte sie oft in die Ukraine, aber auch nach Kirgisistan, Tadschikistan, Malaysia, Pakistan, Georgien, Armenien und nach Ägypten. Nebenbei absolvierte sie eine Ausbildung zur Theaterschauspielerin, gründete ein alternatives Theater und begann mit dem Schreiben: für Reiseführer, Hörspiele und Kurzgeschichten, Artikel für viele Zeitschriften und Zeitungen, wie das Handelsblatt, die FAZ, Psychologie Heute, die Emma und viele mehr. Ihr erstes Buch, der Kriminalroman Niedere Frequenzen, erschien 1994. Seitdem hat sie zwölf weitere Romane, ein Sachbuch über Irland und zwei kulinarische Bücher veröffentlicht. 1999 traf sie bei einem Besuch in Norwegen auf die ›Isdal Frau‹, die sie zu dem Roman Die verlorenen Töchter inspirierte. Dieser Roman wurde zwar schon 2001 fertig, erschien aber erst 2018. Dazwischen erlebte er eine Metamorphose und wurde die Grundlage zu dem internationalen Kinofilm ›Zwei Leben‹ von Georg Maas mit Juliane Köhler, Liv Ullmann und Ken Duken, der 2013 eine Oscar-Nominierung und eine Lola bekam. Einige Bücher veröffentlicht sie unter ihrem richtigen Namen Hanne Hippe. Ihre irische Krimireihe veröffentlicht sie unter dem Pseudonym Hannah O’Brien: Hannah wird sie von ihren irischen Freunden genannt und O’Brien ist der Nachname ihres irischen Lieblingsschriftstellers Flann O’Brien. Unter dem norwegischen Pseudonym Hanne H. Kvandal – den Nachnamen hat sie von ihrem langjährigen norwegischen Lebensgefährten ausgeborgt – veröffentlicht sie eine Krimireihe, die auf der Inselgruppe Spitzbergen spielt. Schon vier Mal war Hanne Hippe dort und hat alle Jahreszeiten und Lichtverhältnisse erlebt. Tiefe Dunkelheit und tagelange Helligkeit, sowie die magischen blauen Stunden, wenn das Licht im Frühling zurückkehrt und die ganze Schneelandschaft blau färbt. Immer wieder sind es Landschaften, die sie zum Schreiben inspirieren, so war es in Irland und auch auf Spitzbergen, nachdem sie Ausflüge zu den Gletschern und der Geisterstadt mit dem Namen Pyramiden gemacht und mit dem Hundeschlitten sowie einem bewaffneten Musher die Schneelandschaft erkundet hat, Gespräche mit KlimawissenschaftlerInnen geführt und die BewohnerInnen von Longyearbyens, einer kleinen Bergbaustadt, kennengelernt hat. Zwei Spitzbergen-Krimis sind bisher erschienen: 78° – Nördliche Breite und 13° – Tödlicher Sommer. Sie erzählen nicht nur eine packende Geschichte, sondern beschreiben auch die extreme und ungewöhnliche Lebenswelt Spitzbergens. 2021 ist außerdem ein sehr besonderes Buch von Hanne Hippe erschienen, das von ihrer eigenen Familiengeschichte inspiriert ist und das ihrer Mutter ein kleines Denkmal setzt: Die Geschichte einer unerhörten Frau. Erzählt wird die Geschichte einer Frau, die sich in den 1950er-Jahren von ihrem Mann scheiden lässt und mit ihren beiden Kindern von Frankfurt nach Köln zieht, so wie es auch Hanne Hippes Mutter getan hat. In diesem sehr persönlichen Roman erzählt sie, wie ihre Protagonistin sich in Köln – argwöhnisch von der streng katholischen Gesellschaft beobachtet

Themen in »Von einer, die auszog, kein Fürchten zu lernen«

Frauenbewegung Jugend Sechziger Jahre Siebziger Jahre Autofreier Sonntag Heidelberg Köln Beatgruppen Beatkonzerte RAF Leninismus Marxismus Bildungsroman Roman Persönlichkeitsentwicklung

Stimmen zu »Von einer, die auszog, kein Fürchten zu lernen«

Details

ISBN: 9783982012698
Verlag: Panima
Erscheinung: 2026

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