Wer es leid ist, Krimis von der Stange zu lesen, wird dieses Buch lieben.
Christian Hussel schreibt seit über zwei Jahrzehnten erfolgreich Hörspiele für Kinder und
Erwachsene. Etwa zwanzig seiner Texte wurden von den öffentlich-rechtlichen
Rundfunkanstalten mit namhaften Schauspielern in Szene gesetzt. Für Hörspielfans ist der
Autor längst kein Geheimtipp mehr.
Daher ist es nur folgerichtig, dass nach der Veröffentlichung von Kinderhörspielen im
Dresdner Boom Books Verlag nun auch einige seiner Hörfunktexte für Erwachsene in
gedruckter Form erscheinen, zum Nachlesen für Hörspielkenner und zum Neuentdecken für
Krimileser.
Die vorliegende Auswahl umfasst fünf Kriminalhörspiele, die durch das Wiederkehren der
Haupthelden, dem Rechtsmediziner Dr. Scherenschleifer, der Kriminalkommissarin Dorst und
dem 55-jährigen Kripo-Azubi Zweier, eine lockere Serie bilden.
„Pränatale.Erben“, das erste Hörspiel um den arrivierten, kultivierten und sympathisch
sarkastischen Scherenschleifer wurde 2007 vom SWR unter der Regie von Ulrich Lampen
produziert. Bis 2014 folgten drei weitere Scherenschleifer-Produktionen, eine beim WDR und
zwei bei Deutschlandradio Kultur. Als Bonus wurde dem Buch ein bislang unveröffentlichter
Hörtext, natürlich ebenfalls mit dem grantelnden Forensiker, beigefügt.
Hussels Geschichten handeln von Menschen, die wissen, dass sie in der unvollkommensten
aller Welten zu Hause sind. Die einen scheitern an diesem Wissen, andere richten sich ein und
wieder andere haben längst aufgegeben. Jene aber, die der Unvollkommenheit mit Humor und
Gelassenheit begegnen, sind Hussels eigentliche Helden.
Kaum nötig erscheint es, auf die Illustrationen im Buch aufmerksam zu machen, spricht doch
der Name des in Dresden geborenen Grafikers Volker Lenkeit für sich. Es sei jedoch
angemerkt, dass die Lithografien des Künstlers keine Bebilderung der Hörtexte liefern. Das
würde der Kunstform Hörspiel widersprechen. Sie entstammen im Gegenteil den bereits um
die Jahrtausendwende begonnenen und seitdem kontinuierlich erweiterten Zyklen „DIE
UNTER UNS“ und „Metamorphosen“.
In „DIE UNTER UNS“ bilden Phantombilder und Portraitfotos das Ausgangsmaterial für die
Lithografien. Arbeiten dieser Reihe, die auf Stoff (u.a. auf Bettbezügen) realisiert wurden,
weisen lt. Volker Lenkeit eine gewisse Ähnlichkeit mit dem Turiner Grabtuch, dem
Schweißtuch der heiligen Veronika oder ägyptischen Mumienportraits auf. Welche Wirkung
die im Buch abgedruckten Grafiken ausüben, sollte der Betrachter allerdings mit sich selbst
ausmachen.
Die „Metamorphosen“ entstanden nach einem ähnlichen Prinzip. In seiner Stempelsammlung
fand Lenkeit einen Unterrichtsstempel aus der Biologie, der den menschlichen Körper
darstellte. Diesem Hauptstempel ordnete er weitere Stempel zu. Die so gebildeten Strukturen
wurden durch sparsame Zeichnungen ergänzt.
Es ist die inhaltliche Eigenständigkeit der hier gezeigten Lithografien Lenkeits, die das
Entstehen spannungsreicher Kontraste zwischen Hussels Texten und den Grafiken geradezu
provoziert.
Christian Hussel