„Aber nur frei kann der Mensch sich zum Guten hinwenden. Und diese Freiheit schätzen unsere Zeitgenossen hoch und erstreben sie leidenschaftlich. Mit Recht. Oft jedoch vertreten sie sie in verkehrter Weise, als Berechtigung, alles zu tun, wenn es nur gefällt, auch das Böse. Die wahre Freiheit aber ist ein erhabenes Kennzeichen des Bildes Gottes im Menschen: Gott wollte nämlich den Menschen ‚in der Hand seines Entschlusses lassen‘, so daß er seinen Schöpfer aus eigenem Entscheid suche und frei zur vollen und seligen Vollendung in Einheit mit Gott gelange. Die Würde des Menschen verlangt daher, daß er in bewußter und freier Wahl handle, das heißt personal, von innen her bewegt und geführt und nicht unter blindem innerem Drang oder unter bloßem äußerem Zwang. Eine solche Würde erwirbt der Mensch, wenn er sich aus aller Knechtschaft der Leidenschaften befreit und sein Ziel in freier Wahl des Guten verfolgt sowie sich die geeigneten Hilfsmittel wirksam und in angestrengtem Bemühen verschafft. Die Freiheit des Menschen, die durch die Sünde verwundet ist, kann nur mit Hilfe der Gnade Gottes die Hinordnung auf Gott zur vollen Wirksamkeit bringen. Jeder aber muß vor dem Richterstuhl Gottes Rechenschaft geben von seinem eigenen Leben, so wie er selber Gutes oder Böses getan hat. “ GS 17
„Der katholische Weg zur wahren Freiheit“, so lautete das Thema der 28. Theologischen Sommerakademie. Damit sollten zwei Aspekte in den Vordergrund gestellt werden, in dem Bewusstsein, dass die Thematik nicht erschöpfend behandelt werden kann. Einerseits geht es um die Freiheit, die in der Geschichte und in der Gegenwart im Fokus der Öffentlichkeit steht und allseits als erstrebenswertes Ziel diskutiert wird. Doch im Pluralismus der Meinungen und im Relativismus, die die Existenz von Wahrheit leugnen bzw. eine klare Erkenntnis von Wahrheit bestreiten, muss geklärt werden, was unter Freiheit verstanden wird.
Hat der Mensch die Freiheit dann gewonnen, wenn er seine Phantasie zum Maß aller Dinge macht und in der Folge willkürlich handelt? Wird der Mensch dann durch die ihm vorgegebene Natur in seiner Entfaltung eingeengt und durch die Gebote des Alten Testamentes unterdrückt? Bedeutet die Nachfolge Jesu Verlust der eigenen Identität? Sind die Kirchengebote Mittel zur Unterdrückung?Im Weiteren geht es um das Katholische. Ist der katholische Glaube nicht veraltet? Muss nicht alles, was dem heutigen Menschenbild nicht mehr entspricht, auf die Müllhalde der Geschichte geworfen werden? Worin unterscheidet sich der katholische Weg von anderen Wegen der Konfessionen und Religionen?
Hier stellt sich die Frage nach der Kirche. Was ist die Kirche? Ist sie ein Verein, dem man beitreten kann und den man wieder verlassen kann, wenn er der eigenen Vorstellung nicht mehr entspricht? Welche Epoche in der Menschheitsgeschichte seit Jesus Christus ist maßgebend für das Gesicht der katholischen Kirche? Ist es die Zeit der Kathedralen? Hat nicht die Zeit des Barock der Kirche einen großartigen Glanz gegeben? Oder wie stehen der katholischen Kirche die Zeiten der Verfolgung zu Gesicht? Zeit der Verfolgung der katholischen Kirche durch die römischen Kaiser, der Unterdrückung infolge der gewalttätigen Expansion unter der Flagge des Islam, der Revolutionen, die den Menschen unter Berufung auf die Vernunft und den Wohlstand das Paradies auf Erden versprochen haben?
Papst Pius XII. beschreibt, wie man in seiner Zeit mit der Kirche umging: „Wie der Erlöser des Menschengeschlechtes von denen, deren Heil zu wirken Er auf sich genommen hatte, mit Nachstellungen, Verleumdungen und Qualen überhäuft wurde, so muss die von Ihm gegründete Gemeinschaft auch hierin ihrem göttlichen Stifter ähnlich werden. Zwar leugnen Wir nicht, ja bekennen vielmehr mit Dank gegen Gott, dass es auch in unserer verworrenen Zeit nicht wenige gibt, die, obgleich getrennt von der Herde Jesu Christi, dennoch auf die Kirche wie auf den einzigen Port des Heiles schauen. Aber Wir wissen auch, dass die Kirche Gottes verachtet und hochmütig und feindselig geschmäht wird und einer erbärmlichen Rückkehr zu den Lehren, Sitten und Einrichtungen einer heidnischen Vorzeit das Wort geredet wird. Die Kirche begegnet vielfach Verkennung, Gleichgültigkeit und selbst einem gewissen Überdruss und Abscheu auch bei vielen Christen, die sich durch den blendenden Schein des Irrtums bestricken oder von den Verlockungen und Verführungen der Welt umgarnen lassen“ (Mystici Corporis).
Auftrag der Kirche ist, das depositum fidei treu zu bewahren und zu verkünden. Durch die katholische Kirche bleibt Christus in der Welt gegenwärtig. „Denn wir alle, die wir Kinder Gottes sind und eine Familie in Christus bilden (vgl. Hebr 3,6), entsprechen der innersten Berufung der Kirche und bekommen im Voraus Anteil an der Liturgie der vollendeten Herrlichkeit, wofern wir in gegenseitiger Liebe und in dem einen Lob der Heiligsten Dreifaltigkeit miteinander Gemeinschaft haben“ (LG51).
„Alles, was mit dem Glauben, der Glaubensweitergabe, der Reflexion über den Glauben (= Theologie) zu tun hat, setzt Glauben voraus“ (Weimann). Dieser Glaube ist mit Jesus Christus der Kirche anvertraut und mit der Vernunft erkennbar.
„Die Freiheit, zu der uns Christus befreit hat, gibt es nicht ohne Gottes Gebote, nicht ohne den Dekalog, nicht ohne das Hauptgebot der Liebe“ (Tschuschke), wobei Christus uns auf die Kinder verweist. „Wir sollen erwachsen werden, aber so, dass uns die Tugenden des Kindes und seine guten Eigenschaften nicht abhanden kommen“ (Reiser).
Im Martyrium, der Ganzhingabe an Jesus Christus, zeigten Frauen und Männer des Glaubens ihre im Gewissen verantwortete freie Entscheidung zum ewigen Heil (Moll). Letztlich endete das Ringen von J.H. Newman um die Wahrheit des Glaubens und um die wahre Kirche in der Konversion zur katholischen Kirche, was zur inneren Gelöstheit und Geborgenheit führte (Born).
In Glaube, Hoffnung und Liebe gehen die Gläubigen ihren Lebensweg dem ewigen Heil entgegen. Darin zu leben lehrt die Mutter Jesu. Sie gab der Gekreuzigte der Kirche zur Mutter. (Geißler). Was Inhalt des Glaubens und der Kirche ist, wurde in der Feier der Liturgie aktualisiert, die festlich von der Chorgemeinschaft Lechrain in der Prämonstratenserkirche in Roggenburg gestaltet wurde. Im Pontifikalamt, das Bischof Bertram von Augsburg zelebrierte, konnten die Teilnehmer die Schönheit der Liturgie als Frucht der Offenbarung mit allen Sinnen wahrnehmen. Engagiert und emotional sprach der Bischof darüber, dass der katholische Glaube zur Identifikation mit Jesus Christus, dem Weg, der Wahrheit und dem Leben führt.
Die Theologische Sommerakademie trug auf ihre Weise dazu bei, den „synodalen Weg“ zu begleiten. Während der synodale Weg vier Schwerpunkte festlegte, nämlich Sexualmoral, priesterliche Lebensform, Macht und Gewaltenteilung sowie die Rolle von Frauen in der Kirche, strebte die Sommerakademie die Glaubensvertiefung und Glaubensverkündigung an. Ziegenaus zitiert in seinem Vortrag ein Wort von Johannes Paul II. an die deutschen Bischöfe: „Ich bin überzeugt, dass ein Aufschwung des sittlichen Bewusstseins und christlichen Lebens eng, ja unlöslich an eine Bedingung geknüpft ist: an die Belebung der persönlichen Beichte. Setzt hier eine Priorität eurer pastoralen Sorge!“
Am Rosenkranzfest 2021
Gerhard Stumpf
Gerhard Wendelin Stumpf
Studium der Theologie und Altphilologie (Latein), Lehrer am Gymnasium (1970-2007); in der aktiven Zeit zeitweilig Vorsitzender in PGR und Dekanatsrat;Mitglied im Diözesanrat; Mitarbeiter in der Redaktion der Zeitschrift "Der Fels".
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