Klar ist der Roman – Human Design ist eine Kritik an der Arbeitswelt. Ein Thema, das ich in
vielen Büchern behandele und – ich würde sagen – eines, wenn nicht mein Haupt-Kritikpunkt
an der heutigen Gesellschaft ist.
Ich habe die ersten Szenen des Buchs gegen Ende meines Bachelor-Studiums geschrieben, als
ich Angst davor hatte, wie sich mein eigenes Leben durch den bevorstehenden Eintritt in die
Arbeitswelt ändern würde, zudem ich niemals Hauptberuflich als Informatikerin arbeiten
wollte – mir aber klar war, dass mich der Kapitalismus vermutlich dazu zwingen würde.
Nichts gegen das Programmieren, das tue ich sehr gerne, allerdings ängstige mich die
Vorstellung den ganzen Tag in ein Büro eingesperrt zu sein, Anweisungen anderer zu folgen,
nicht mehr besonders viel Schreiben zu können und alle seine Lebenszeit für ein Gehalt
geklaut zu bekommen, das gerade mal zum ganz passablen Überleben, aber nie zum Aufhören
ausreichen würde.
Insofern identifiziere ich mich sicherlich mit Coolie. Zwar war ich nie ein Fan von Bier oder
Motorrädern, aber ich verstand seine Anti-Haltung gegenüber der Arbeitswelt und wie die
Gesellschaft auf diese Haltung reagiert.
Zu dieser Zeit habe ich mich sowohl über neue Arbeitswelttechnologien informiert, als auch
das Kapital von Karl Marx gelesen. Obwohl ich damit möglicherweise meinen Job riskiere
und dazu sagen muss, dass sich die reale Arbeitswelt, dann doch deutlich milder und
angenehmer demonstrierte, als in meinen dystopischen Romanvorstellungen, muss ich sagen:
Ich frage mich schon oft, wie viele Menschen einen Arbeitsalltag hinnehmen kann, wie er
dem von Coolie im Human Design nicht ganz so unähnlich ist oder wie überhaupt jemand,
der nie „aufhören kann“, all seine Lebenszeit verkaufen kann, um im Sinne anderer zu
arbeiten, um ein Leben in etwas mehr Wohlstand zu genießen, als all jene, die nicht das Glück
hatten, einen ordentlichen Job zu finden. Dabei hat kaum jemand etwas „verbrochen“, als
nicht wohlhabend geboren zu werden.
Vor allem beeindruckte mich der Gedanke, wie die Arbeitswelt der Zukunft aussehen könnte.
Viele dieser Ideen habe ich von Artikeln über tatsächliche Zukunftsvisionen, wie
Beispielsweise das Idee der Datenkontaktlinsen/Augmented Reality.
Auch wenn das Überwachen von Mitarbeitern weiterhin verboten ist, gibt es schon heute
immer mehr Tools, um die Zufriedenheit der Mitarbeiter zu messen oder Aufzuzeichnen. Ich
selber erlebe in meinem Job nicht selten Pulse-Umfragen oder ständige Vorgesetzten-
Gespräche. Es reicht nicht nur, seinen Job zu machen, man soll ihn auch lieben, sich ständig
rechtfertigen, dass man dahintersteht, obwohl man oft – mal ehrlich – kaum eine andere Wahl
hat. Zwar kann man sich im glücklichen Fall aussuchen, wem man „untersteht“, aber nicht,
wie man dort behandelt wird und als Abhängiger vom Lohn, ist man immer am kürzeren
Hebel und kann kaum offen sprechen…
Seit Snowdens Enthüllungen ist Totalüberwachung längst eine bewiesene Sache und schon
Marx hat beschrieben, dass die Macht von Arbeitgebern über seine Angestellten auch nach
Feierabend nicht endet. Auch die Freizeit muss im Sinne der Arbeitgeber genutzt werden, da
sie der Regeneration der Arbeitskraft dient. Im Urlaub zu arbeiten, ist per Gesetz eigentlich
verboten. Freizeitangebote, gar Kindergärten werden von Arbeitgebern bereitgestellt und
genauso wie beim HumanDesign sind viele Arbeitsstädten bereits kleine Welten mit Cafés,
Freizeitbereichen, Läden, Kindergärten für den Nachwuchs an Humankapital, ja, man will die
späteren Mitarbeiter immer, immer früher an sich binden, und eigenem elektronischen
Bezahlsystemen, nicht unähnlich dem „Punktesystem“ im Roman.
Zwar gibt es noch keine Kameras in den Wohnungen und Überwachung über Kontaktlinsen,
aber das ein Konzern Betriebswohnungen stellt, ist keine Seltenheit. Features, die das „Leben
optimieren sollen“ wie Health-Apps oder Smart-Watches Zeichnen Daten auf und sie werden
von vielen Unternehmen günstiger zur Verfügung gestellt, das weiß ich aus eigener
Erfahrung.
Der Trend geht dahin, Mitarbeiter mehr und mehr zu analysieren und auch zu optimieren.
Ein neues AWS-Service erlaubt es aus beispielsweise Kundenanrufen bereits
Stimmungsnuancen herauszuerkennen. Warum sollte dies nicht auch in Zukunft auf
Mitarbeiter des eigenen Unternehmens im Arbeitswelt-Umfeld angewandt werden.
Unternehmen suchen sich ihre Mitarbeiter schon im Studium über duale Studiengänge und
Praktika aus, teilweise gibt es neuerdings schon Pflicht-Schüler-Praktika im Alter von
vierzehn oder fünfzehn, und durch das Bachelor/Master-System wird alles noch
standardisierter.
Vor allem die Vision, dass Bewerber nur noch als Produkte bestehend aus klaren Modul-
Bausteinen und Praktika, wie Features eigens technische Geräte mit draufgespielter Software
gesehen werden, anstatt als menschliche Wesen, macht mir Angst.
Wer nicht Arbeitgeber ist, ist selber das Produkt, das ist schon seit Karl Marx klar, aber die
Möglichkeiten, Menschen als Produkte zu verkaufen nimmt im Informationszeitalter andere
Dimensionen an.
Der Gedanke liegt nicht fern, dass wenn es möglich wäre, Wissen, wie Software auf einen
Menschen aufzuspielen, die Welt so aussehen könnte, wie in dem Roman „Human Design“.
Ich würde aber kaum sagen, dass Menschen im Roman „Human Design“ mehr als heute zu
Produkten verkommen.
Schon heute gibt es soziale Karrierenetzwerke wie „LinkedIn“ oder Xing, die ich persönlich
kaum nutzte, da sie mir wie Menschenbörsen vorkamen, in denen sich Unternehmen ihre
Mitarbeiter mit deren „Lebenslauf-Features“ aus dem Katalog aussuchen können, wie
Produkte bei amazon.de. Dass Lohnarbeiter Produkte sind, ist schon seit Jahrhunderten so,
aber nichts macht es so deutlich wie diese Netzwerke.
Der Unterschied zum Roman Human Design liegt lediglich darin, dass nur wer schon Geld
hat, seine Kinder mit genügend „Features“ „bespielen“ kann, um mithalten zu können und die
eigene Leistung in den Hintergrund rückt. Außerdem wird deutlich gemacht, wie sehr
Menschen durch Markt-Anforderungen angepasst und verändert werden, nur damit man mit
ihnen noch Geld machen kann bzw. sie „ein gnädiges Gehalt“ als Dauer-Sklave erhalten.
Es wundert mich wie nichts anderes, dass die meisten Menschen ihre Rolle als Arbeiter unhinterfragt
hinnehmen und es gesellschaftlich hoch angesehen ist, in der Gunst eines
Arbeitgebers zu stehen, ausgewählt zu sein und „etwas besser“ leben zu können, als jene, die
ohne Job dastehen. Ich habe es immer schon gehasst, mich als Ware anbieten zu müssen. An
dieser Stelle: Nichts gegen meine Kollegen, Arbeitgeber oder Vorgesetzte – ihr seid einfach
super!
Was ich zu kritisieren versuche, ist ein allgemeines Prinzip, von dem ich leider weiß, dass ich
es nicht ändern kann.
Um das hier auch mal zu sagen : Die Figur Cooli gibt es schon sehr lange. Cooli war der
Protagonist in vielen Hörspielen, die ich als Kind (ich war etwa 10-14) aufgenommen habe, in
denen es um Schulprobleme ging. (siehe www.gr-verlag.de/Old-Bänder).
Ich glaube, dass ich sie nicht mal erfunden habe – das war ursprünglich meine Schwester
Klara, die ihn soweit ich weiß von dem „Onkel Nikki“ aus Angela Anaconda ableitete – sie
zeigte mir einmal ein Bild von sich und meinte „das ist Cooli“. Seitdem war er ein Charakter
in unserem damaligen Universum. Damals war seine Rolle der des Leiters von spaßigen
Freizeitaktivitäten und des schlechten Vorbilds – ein Motorradfahrer und Verkehrsraudi war
er schon damals und er war ebenfalls bereits erwachsen.
Auch Tafty hatte damals eine Rolle in jenen Hörspielen, als der ewige Miesmacher und
Spielverderber, der die Protagonisten, die damals noch größtenteils in der Haut von Pokemons
steckten, der ebenfalls als Leiter von Freizeitkursen begegnete. Allerdings waren seine Kurse
eher „kindgerecht“ und „babyhaft“, als jene von Cooli, und seine Aufgabe bestand darin, den
Protagonisten „Bisa“ dabei meistens besonders zu benachteiligen. Ein echter Bösewicht war
Tafty erstmals in einem 2003 oder 2004 von mir gezeichneten Urlaubscomic (damals war ich
um die zwölf, vielleicht dreizehn), in dem sich Tafty als echter Verbrecher betätigte.
Einen Gastauftritt hat Cooli unter dem echten Namen Carlos auch in der Beta-Version von
Sacres (siehe gr-verlag.de/sacres), sowie in dem bald erscheinenden Band 2 der Serie.
Brüder wurden „Cooli“ und Tafty erst im Roman Human Design.
Leni entstand erst im Roman Human Design als Anlehnung an meine Schwester Lena und
dem Kapitalismuskritiker und Revolutionär Lenin.
Reichard Geraldine
Geraldine Reichard, *01.05.1991
in Bonn, fing 2004 im Alter von 13 mit dem
Romanschreiben an, gewann während ihres Studiums
mehrere Literaturwettbewerbe, arbeitete ab 2015 mit der
Literaturagentur im Verlag der Autoren in Frankfurt
zusammen, von der sie sich Ende 2018 trennte und 2020
einen eigenen Verlag für eigene Bücher, sowieso andere
Autoren gründete. Parallel arbeitet sie bei einem
internationalen IT-Unternehmen.
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