Hoch gefeierte Texte sind für die Leserschaft oft eine Strafarbeit, die es mehr oder weniger geduldig zu bewältigen gilt, indem man die Texte wie ein Esel abliest ohne dabei zu meckern.
Um sich diese Knochenarbeit etwas zu erleichtern, sind Leseprofis dazu übergegangen, die Texte während des Ablesens abzuschreiben und in ihren wesentlichen Merkmalen zu verbessern.
Die Verhunzung ist eine Methode, bei der das sakrale Original für den profanen Gebrauch hergerichtet wird.
Personen, Duktus und Plot bleiben erhalten, aber die Moral der Geschichte ändert sich, indem gezeigt wird, dass auch die Heroen der Literatur nur mit Wasser kochen und es mit der entsprechenden Lebensführung nicht so genau nehmen.
Die fünf Verhunzungen zu Handke, Gstrein, Mitterer und Zoderer sind jeweils knapp nach Erscheinen der sogenannten Steilvorlage 1987-1989 entstanden.
Der wahre Wert der Verhunzung lässt sich erst nach Jahrzehnten erkennen, wenn Original und Verhunzung in gleicher Weise verschimmelt sind und sich herausstellt, dass die Verhunzung oft resistenter ist als die Steilvorlage.
Durch die despektierliche Umschreibung verlieren die Texte den Charakter einer Strafarbeit und schaffen Erleichterung und Gelächter, was im gängigen Literaturbetrieb nicht gefragt ist.
Helmuth Schönauer
Helmuth Schönauer (* 23. September 1953 in Innsbruck) ist Schriftsteller und Bibliothekar an der Universität Innsbruck. In seinen Romanen beschreibt er das Alltagsgeschehen skurriler Randfiguren auf dem Weg nach oben. Als beinahe lückenloser Rezensent der Tiroler Gegenwartsliteratur ist er Vertreter der „low lectured edition“. Im sechsbändigen Tagebuch eines Bibliothekars sind knapp 5000 Rezensionen aus den Jahren 1982–2018 zu einem durchgehenden Fließtext zusammengefasst, der chronologisch nach Erscheinungsweise der rezensierten Bücher geordnet ist. Dadurch ergibt sich eine zeitgenössische Geschichtsschreibung anhand von Lektüre. Schönauer ist Mitglied der Grazer Autorinnen Autorenversammlung
Erzählung Kritik Literaturkritik Triggerwarnung