I
ich weiß nicht was am Anfang war das Wort oder das Chaos und mit
Chaos meine ich ein Gemisch aus Wasser und Farbe oder aus Erde
und Blau oder aus Himmel und Stein oder ein trostloses Grau und
mit trostlos meine ich nichts weil niemand bedürftig oder traurig ist
das Chaos war ein süßlicher Brei und das Chaos war wie warmer
Flaum und fühlte sich an wie weicher Schaum wie ein Schwamm der
Kreide zu Nebel wischt Sporen und Puder Pastell Myzel Schuppen
und Staub Talg alles geht in den Schwaden auf
unbestimmt nicken die weichen Köpfe der Pilze und neigen höflich
schweigend ihre Lamellen bilden sie Schirme oder tragen sie Hüte was
geht uns das an fragen wir in unsere Leere hinein der Schall der an die
Rippen prallt wirft ein oder fragt ist ein Körper ein Raum wir schweigen
und denken an Türen erinnern uns kaum
II
der Atem regelt alles diskret : die Lunge saugt das Universum auf das
Universum wringt die Lunge aus
der Austausch der Spuren folgt der Partitur der Partikel oder ihrem
Schirmherrn dem Staub der heiser raunt Asche zu Asche Pixel zu
Pixel Tür zu Tür auf
ach die Pilze fordern uns eh erst später zurück gnädige Gönner sind
sie gewähren uns Stochern und Kleinlichkeit die albernen
Unterscheidungen vorerst wischen wir das alles weg und ignorieren
was die Lunge füllt wir kontrollieren unsere Türen spielen uns auf
Der Schlaf fällt schal ein, fällt
jede Nacht einen Baum.
Bin zwischen den Maschen.
Mein Körper lässt sich
begreifen als Angst im Käfig
& als enger Weltraum
& als zerfaserter Faden
& als zugestellter Wald
& als mit Sommern beladener Halm
In Maschen gedrängt & zwischen
den Maschen rächt sich die Flechte am Baum
Sprache als Alge an Land, die sich über die Ränder der Dinge ausbreitet: Worum geht es in Nea Schmidts Debütband Sprechen in Flechten? Um alles! Also um nichts? Nein, um das Verwischen, um ein Verwachsen mit den Schwestern, um ungefestigte Identität, oder vielleicht um ein verflochtenes, sich ständig änderndes Sein. In den Begriff der Flechte schleicht sich – wie ein Parasit, oder wie ein Zweifel, als Befall – das Flechten ein, eine traditionell weibliche Kulturpraxis. Sprache als Gewebe, Liebe als Laufmasche. Kategorisierungen werden immer wieder angedeutet, nur um sie dann zu unterlaufen, indem sich das lyrische ich oder dessen Sprache – oder doch die Welt sich dem lyrischen ich? – als Flechte darstellt: als eigenständige, fremde oder sogar unheimliche Lebensform, als symbiotische Gemeinschaft, die verschiedenste Materien besiedelt. Begriffe domestizieren, dedomestizieren. Sprechen in Flechten stellt sich als rastlose Denkbewegung dar, die eine poetische Position innerhalb eines anthropomorphen Verhältnisses einnimmt, in dem sich Natur spaltet, kultiviert, entfremdet, wiederbegegnet und reibt. Aus dieser
Reibung entstehen Gedichte: wuchernd, das Wuchern ordnend, die Ordnung überwuchernd usw.
— Nea Schmidt
Nea Schmidt
Nea Schmidt wurde 1995 in Leipzig geboren. Ihr interdisziplinäres Studium absolvierte sie mit dem Schwerpunkt Geschichtsphilosophie und Medientheorie an der Leuphana Universität Lüneburg. Danach studierte sie Literarisches Schreiben (BA) am Deutschen Literaturinstitut Leipzig und Sprachkunst (MA) an der Universität für Angewandte Kunst in Wien. Sie erhielt Aufenthaltsstipendien an der Hebräischen Universität Jerusalem, Art Omi: Writers in New York und 2026 im Künstlerhaus Edenkoben. 2025 gewann sie den Open Mike Berlin. 2022 gründete sie mit sechs Freund*innen das Lyrikkollektiv fährten. Nea Schmidt übersetzt u.a. für den Merve Verlag und lebt in Wien. "Sprechen in Flechten" ist ihr Debüt.
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