“Love With Obstacles (Amor Rojo)” ist Dora Garcías Resultat einer zweijährigen Recherche über das Vermächtnis der Alexandra Kollontai (1872–1952) – einer Protagonistin der Oktoberrevolution, sozialistische Feministin, Sozialaktivistin und Intellektuelle. Von 1922 bis 1945 war Kollontai sowjetische Botschafterin in verschiedenen Ländern, darunter auch in Mexiko. Neben anderen kommunistischen Revolutionärinnen wie Inessa Armand, Rosa Luxemburg und Clara Zetkin, war Kollontai eine der wichtigsten Agitatorinnen für die sexuelle und gesellschaftliche Emanzipation der Frau. In ihrer Rolle als einziges weibliches Mitglied der ersten Sowjetregierung gelang es ihr, viele Maßnahmen einzuleiten für deren Umsetzung Frauen noch heute kämpfen, etwa die Legalisierung von Abtreibungen und den Schutz der Frauenrechte. Schon Ende der 1920er Jahre waren die Texte Kollontais in viele Sprachen übersetzt worden und erfuhren besonders in den spanischsprachigen Ländern eine große Resonanz. Ihr Vermächtnis ist darum auch in den jüngeren feministischen Kämpfen Lateinamerikas zu spüren. Zur Textsammlung dieses Buches gehört ein eigens für diese Publikation aus dem Russischen übersetzter Essay von Kollontai selbst. Das Buch enthält außerdem drei Bildstrecken: Filmauszüge und Kunstwerke (in Farbe) aus García's eigener Werkreihe "Love with Obstacles” sowie seltene Reproduktionen von SW-Fotografien aus den Archiven der mexikanischen Fotografinnen und Frauenrechtlerinnen Ana Victoria Jiménez (Archivo del Movimiento Feminista de 1964 a 1990) and Yan María Yaoyólotl (Archivo Histórico del Movimiento de Lesbianas-Feministas en México 1976–2020).
Das Design von “Love with Obstacles (Amor Rojo)” wiederum erzählt von einer ganz speziellen geheimen Veröffentlichung aus dem Jahr 1977 in Malmö, Schweden. Damals ließ der Verleger Bo Cavefors politische Texte drucken und verbarg diese Inhalte hinter einem Tarneinband: dem Schutzumschlag eines romantischen Romanes mit dem Titel Kärlek med förhinder [Love With Obstacles / Liebe mit Hindernissen]. Unter der Tarnung dieses Einbandes, den “Love with Obstacles (Amor Rojo)” nun repliziert, erschien der echte Einband: “Texte: RAF”.
Für “Love with Obstacles” provoziert dieser gestalterische Wurf ein Nachdenken über die symptomatischen Spannungen zwischen explosiven und subversiven feministischen Inhalten und dem, was man konventionell mit ‘weiblicher Sensibilität’ und ‘romantischer Liebe’ verbindet.
─ Mit Texten und Beiträgen von Anna Akhmatova, Ruth Estevez, Alexandra Kollontai, Paloma Contreras Lomas, Maria Lind, Dora García, Carla Lamoyi, Rina Ortiz, Alvaro Rodilla und Ana Sofía Rodríguez; Übersetzung Englisch-Spanisch von Christopher Winks; Russisch-Englisch von Joan Brooks; Design von Alex Gifreu.
Dora García
Doria García wurde in Spanien geboren und hat in Amsterdam studiert. Als noch junge Künstlerin zog sie nach Brüssel und lebte dort für 16 Jahre. Mit The Beggar’s Opera, ihrem Echtzeit-Theaterprojekt im öffentlichen Raum nahm sie 2007 bei Skulptur Projekte Münster teil und damals trat auch der Charakter Charles Filch zum ersten Mal in Erscheinung. Schon immer hatte sie ein Interesse an Anti-Helden und gesellschaftlich marginalisierten Figuren, denn anhand von ihnen lässt sich sogleich der soziale Status der Künstlerin oder des Künstlers betrachten wie die Narrative von Widerstand und Gegenkultur. In dieser Hinsicht hat García Arbeiten geschaffen, die sich im Einzelnen mit der Staatsicherheit in der DDR (im Film Rooms, Conversations von 2006), der charismatischen Figur des US-amerikanischen Stand-Up-Comedians Lenny Bruce (Just because everything is different it does not mean that anything has changed, Lenny Bruce in Sydney, Performance bei der Sydney Biennale 2008) und den Hintergründen, rhizomatischen Assoziationen und Folgen der anti-psychiatrischen Bewegung beschäftigen (Mad Marginal, Buchserie seit 2010; Film The Deviant Majority, 2010). In den letzten Jahren nutzte sie zum Beispiel klassischeTV-Formate aus Deutschland als Mittel zur Beschäftigung mit der Zeitgeschichte der Bundes- republik (Die Klau Mich Show, bei der Documenta13, 2012), besuchte Finnegans Wake- Lesekreise (The Joycean Society, Film von 2013), schufTreffpunkte für Menschen, die Stimmen hören (The Hearing Voices Café, seit 2014) und beforschte die Schnittstelle von Performance und Psychoanalyse (The Sinthome Score, 2013, und Segunda Vez, 2017). Sie lehrt an der Oslo National Academy of the Arts und an der HEAD in Genf. Sie ist zudem Co-Kuratorin bei Laboratoires D’Aubervilliers in Paris.
Alexandra Kollontai Dora García Feminismus, Anf. 20. Jh. Frauenrechte weltweit Internationale Frauenbewegung Kommunismus Kunstbuch Liebe Mexiko Politische Theorie RAF Russische Geistesgeschichte Sowjetunion Sozialismus