Vor dem Zweiten Weltkrieg lebten in Thessaloniki über 50.000 Juden. Mehr als 46.000 von ihnen wurden in die Vernichtungslager der Nazis deportiert, ca. sechsundneunzig prozent sind dort ermordet worden. Dieses Buch erzählt die Geschichten einiger der wenigen, die gerettet wurden. Ihre Schicksale sind die Ausnahme, die Regel war der Tod.
Durch Zeugnisse und Dokumente verfolgen wir die Lebenswege von Menschen, die gemeinsame Erfahrungen machten – ob in den Bergen, wo sie als Partisanen kämpften, oder in den Lagern. Wir folgen ihnen weiter in den ersten Jahren danach, als sie diese Wege noch ein Stück weit gemeinsam gingen oder sich trennten, weil die einen in ihre Heimatstadt zurückkehrten, während die anderen die Emigration wählten.
Valerie, Beniko und Moise – nur einige der Protagonisten des Buches – sind nicht bloß historische Figuren; ihre Schicksale werden zwar durch Zeitzeugenaussagen, persönliche Briefe, Fotografien, offizielle Dokumente und zahlreiche Querverweise auf die internationale Forschung wissenschaftlich auf das Genaueste dokumentiert, doch sein lebhafter Erzählstil und die menschliche Nähe zu seinen Figuren lassen es vielfach in das Genre der belletristischen Prosa spielen.
Obwohl die Geschichte der griechischen Juden, wenn auch etwas verspätet, dennoch ausreichend erforscht worden ist, leistet das Buch von Rika Benveniste einen wesentlichen Beitrag dazu. Das gelingt ihr durch drei wesentliche Innovationen: Die Erzählung fokussiert auf Einzelschicksale und bewegt sich auf lokaler Ebene, statt ein landes- oder gar Europaweites Panorama zu erfassen und allgemeingültige Ergebnisse zu präsentieren; durch die tiefgründige Erforschung der lokalen Geschichte zerstörter Gemeinden werden Verallgemeinerungen und Abstraktionen infrage gestellt. Gerade für die Geschichte des Holocausts haben solche Annäherungen bedeutende Beiträge geleistet: Die Fokussierung auf eine Kleinstadt, ein Ghetto oder ein Lager konnte unser Wissen effektiver bereichern. Ferner wird der zeitliche Rahmen von den ersten Jahren der Besatzung, in der freilich der Völkermord als das Ergebnis der militärischen Besatzung und des Nationalsozialismus vollzogen wurde, auf die Erforschung des gesamten Jahrzehnts erweitert. Dadurch kann das Buch erweiterte Erkenntnisse liefern, etwa über die Umstände der Rückkehr der Überlebenden bzw. über die Jahre der Nachkriegszeit und des Bürgerkriegs, in denen das Schicksal der griechischen Juden endgültig besiegelt wurde. Hier liegt ein dritter, wichtiger Aspekt des Buches: Zwar beschäftigt sich die historische Darstellung mit „traditionellen“ Themen, wie dem Widerstand und der Rolle der Judenräte, darüber hinaus jedoch auch mit den Optionen der Überlebenden in den ersten Jahren nach der Befreiung der Konzentrationslager, ein Aspekt, der weitestgehend unerforscht ist.
Angelehnt an die historiographische Schule der Mikrogeschichte stellt das Buch die Schicksale einzelner Personen oder kleineren Gruppen durch Zeitzeugenaussagen, persönlichen Briefen und offiziellen Schreiben in einem lebhaften Erzählstil dar. Obwohl das Buch seine wissenschaftliche Fundiertheit durch zahlreiche Fußnoten und Querverweise auf die internationale Forschung belegt, spielt es vielfach mit dem Genre der belletristischen Prosa. Diese geschichtswissenschaftlich und literaturästhetisch überzeugende Mischung macht seinen innovativen Charakter aus.
Rika Benveniste
Rika Benveniste wurde in Thessaloniki geboren. Sie studierte Geschichte an der Jüdischen Universität von Jerusalem und promovierte an der Sorbonne (Paris I-Panthéon) in Mittelalterlicher Geschichte. Heute ist sie Professorin für Europäische Geschichte im Mittelalter an der Universität von Thessalien. Ihre Forschung beschäftigt sich mit den Gebieten der Historischen Anthropologie, des Westens im Mittelalter, jüdischer Geschichte und Geschichtsschreibung, aber auch mit der Geschichte der Shoah. In griechischer Sprache hat sie u.a. Bücher über die Geschichte der mittelalterlichen Historiographie und über jüdische Reisende im Mittelalter verfasst.
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