„Wo war ich? Ich war weit weg.“
Der Strom der Zeit macht vor niemandem Halt. Auch nicht vor dem Erzähler, der sich nach Jahren wieder in seinem Geburtsort Prizren wähnt. So viel hat sich verändert und so viel ist geblieben, wie es einst war. Doch am meisten hat sich der Erzähler verändert – vor allem in seinem Denken. Begegnungen von einst erhalten neue Bedeutungen, Worte von damals wiegen schwer.
Liebe, Schmerz, Trennung und Wohlgefallen - verschiedene Dinge, die der Erzähler mit seiner Vergangenheit und jener der Festung von Prizren verbindet. Es ist eine Wanderung durch die Epochen der Zeit, aber auch ein Vorausschauen und Hinterfragen. Eine Ermutigung, nicht alles hinzunehmen und zu glauben. Der Zuspruch, sein eigenes Weltbild zu erschaffen, seine eigene Meinung zu vertreten und den Mut zum Frieden im Herzen zu tragen.
„Nur hier wurde das möglich, nirgendwo anders waren sie so nahe am Leben und so gut aufgehoben wie hier.“
Riat Ajazaj
Schon als Kind hatte ich ein starkes Bedürfnis, die Geschichten meiner älteren Verwandten zu hören. Geister, unmögliche Schicksale und Tod durchwanderten diese Geschichten. Das war in der Stille des Dorfes wie ein spannender Thriller. Außer den Handlungen, blieben in meinen Ohren und Augen die Stimmen dieser Erzähler, die Gefühle, die Körpersprache, die Wahrnehmung der Kleider, die des Wetters oder der Jahreszeit, des Alters …
Später, während des Studiums in Prishtina und in Tübingen, lernte ich auch die geschriebenen Geschichten ausführlich kennen. Längere, schönere und geistreicher waren sie. Heute lese ich sie weiter. Beim Schreiben vermischen sie sich in mir. Die geschriebenen Geschichten kommen mir manchmal wie längere Gespräche vor.
Außerdem möchte ich in einer geschriebenen Erzählung ein möglichst lang bleibendes Gespräch konstruieren. Ein Gespräch eben, das die Fähigkeit besitzt, es immer wieder neu anzufangen. Und davon haben wir nicht genug.