Monika Hau

Monika Hau

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Nach dem Weg fragen

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Beschreibung

Die Erde ist ein Stern. Wir leben im Himmel. Hans-Jürgen von der Wense fuga se mandare Julius Cäsars „Gallischer Krieg“ war Pflichtlektüre im fortgeschrittenen Lateinunterricht: „de bello gallico“. Die wichtigste Vokabel, die es neu zu lernen galt, war: fuga se mandare: sich auf die Flucht begeben. Julius Cäsar tötete und vertrieb Tausende während seiner Eroberung Galliens. Mit seinem Kriegsbericht, dem Bericht des Siegers, lernten wir die Sprache der Römer. Nicht mit Ovid, nicht mit Vergil, Plautus oder Terenz. Wir lernten die Sprache des brutalen Eroberers, der morden und vertreiben ließ. In die Geschichte ging er ein als einer der Großen. – – – „But Caesar is an honourable man.“ Fremd bin ich eingezogen Migration ist Wanderung. Nicht nur Nomaden wandern. Wandern ist Romantik. Wilhelm Meister, Franz Sternbald, Anton Reiser – alle sind sie gewandert. Ihr poetisches Leben war Wanderung. Der romantische Entwicklungsroman ist ein road movie. Wandern war nicht nur des „Müllers Lust“, wie sie Franz Schubert vertont hat, auch andere Gewerke schickten ihre Gesellen in die weite Welt hinaus: „Wem Gott will rechte Gunst erweisen ...“. Zimmerleute gehen noch heute mit ihren sieben Sachen auf die Walz. Daß der stete Ortswechsel Unglück mit sich bringt, hat Schubert in der „Winterreise“ ergreifend komponiert. Fremd zieht da einer ein, von wo er fremd wieder auszieht, obwohl das Mädchen von Liebe und die Mutter gar von Ehe sprach. „Die Liebe liebt das Wandern“, heißt es da im Text von Wilhelm Müller, „Gott hat sie so gemacht.“ Wenn das Wandern der Liebe eigen ist, kann es so übel auch wieder nicht sein. Aber machen wir uns nichts vor: das Ziel – gewollt oder ungewollt – der winterlichen Wanderung ist der Tod. Der Leierkastenspieler, mit dem das lyrische Ich sich am Ende identifiziert, ist alles andere als integriert. „Drüben hinterm Dorfe“ – also keineswegs auf dem Marktplatz – „steht ein Leiermann. Und mit starren Fingern dreht er, was er kann.“ Obwohl so abgelegen hinterm Dorfe wahrscheinlich kaum jemand vorbei kommt, versucht er dennoch, seinen Unterhalt redlich zu verdienen. Leider ohne Erfolg, denn „sein kleiner Teller bleibt ihm immer leer.“ Das Schicksal eines nicht Gewollten: Keiner mag ihn hören, keiner sieht ihn an, Und die Hunde knurren um den alten Mann. Und doch bleibt das Reisen dem Menschen reizvoll, zumindest demjenigen, der es aus Vergnügen tut, damit er was erzählen kann. Kreuzfahrten stehen derzeit besonders hoch im Kurs. „Wenn die bunten Fahnen wehen, geht die Fahrt wohl übers Meer.“ Wer allerdings ohne Fahnen in See sticht, im Schlauchboot mit nichts am Leib als Hemd und Hose, kann froh sein, wenn ihm das nackte Leben gerettet wird. „Draußen zu Hause“ heißt der Slogan eines großen Produzenten von Outdoor-Fashion, der den Bewohnern von Flüchtlingslagern wie Hohn klingen muß. Wandern und Reisen ist nur dem vergnüglich, das zeigt auch Schuberts „Winterreise“, der ein Dach über dem Kopf besitzt, ein zu Hause hat, einen Ort, wo er hingehört. Das deutsche Wort dafür ist „Heimat“. Von dort kann man aufbrechen, um zurückzukehren und hat leichtes Singen: Mein Vater war ein Wandersmann, und mir steckt´s auch im Blut. D´rum wand´re ich froh, so lang ich kann Und schwenke meinen Hut. Migration Irgendwann fing das an mit den Rucksäcken. Man verzichtete auf Hand- und Aktentaschen zugunsten von Behältnissen, die man mit zwei Tragriemen sich über die Schultern hing, egal, ob man zum Einkauf, zur Arbeit oder zum Schuster ging, das Paar von der Reparatur abzuholen. In öffentlichen Verkehrsmitteln schoben plötzlich sich Drehende einem ein Mikrofaserbehältnis der Marke Jack Wolfskin ins Gesicht oder setzten einem einen schweren Tornister auf die Füße, ohne zu fragen. Der Rucksack war plötzlich Mode. Vielleicht war er gut für den Rücken. Trugen nicht Schulkinder auch den Ranzen auf dem Rücken, um Haltungsschäden vorzubeugen? Soldaten der Infanterie, um die Hände für ihre Schußwaffen freizuhaben? Taucher schnallen sich die Sauerstofflaschen auf den Rücken, um alle Gliedmaßen freizuhaben für die Fortbewegung unter Wasser. Der Rucksack ist praktisch, und in Mode ist er noch immer. Eigentlich kennen wir den Rucksack vom Wandern, vom Wandern. Wetterzeug und Proviant trug man auf dem Rücken, womöglich den Schlafsack darübergeschnallt. Alle, die wir die Mode des Rucksacks, aus welchen Motiven auch immer, mitmachen, sind Wanderer. Selbst Manager in ihren dunklen Anzügen, schnallen sich, steigen sie aus den Fonds ihrer schwarzen, chauffeurgeführten Limousinen, erstmal den Rucksack über. Im ICE erster Klasse zieht der Abteilungsleiter Vertrieb das superflache Notebook neben der Bild-Zeitung aus dem Rucksack. Alles ist im Aufbruch. Trecking-Sandalen und gebirgsfeste Schuhe, Cross-Rad und Geländewagen gehören zur Grundausstattung. Die Cargo-Hose mit geräumigen Beintaschen ist schon Alltagskleidung. Wir wollen alles dabei haben, wenn es losgeht. Das Eigenheim wird abgelöst vom Wohnmobil. Auch, wenn wir den ganzen Tag vor Bildschirmen sitzen, sind wir jederzeit bereit, aufzuspringen und uns auf den Weg zu machen. Bewegung, Bewegung! Ärzte und Gesundheitsapostel mahnen. Wir halten uns fit für den Weg, der vor uns liegt. Wir wollen nicht stehen bleiben. Wir blicken nach vorn. Wir sind bereit zum Wandern. Jetzt aber kommen uns andere zuvor. Nicht freiwillig. Wege und Fragen Fragen ist der Beginn jeden Denkens. Wo? Woher? Wohin? Warum? Der Mensch fragt, um seinen Ort zu bestimmen, um zu wissen, um sich zu erinnern. Ich frage, also bin ich. Fragen ist Kommunikation. Fragen braucht ein Gegenüber, einen Gesprächspartner, der mir antwortet. Und sei es, um zu sagen, dass er es auch nicht weiß. Der Weg ist das Leben. Jeder Mensch legt einen Weg zurück, auf dem er anderen begegnet. Man kreuzt den Weg eines anderen oder begleitet ihn ein Stück weit. Wir sind, auch wenn wir einfach nur so dasitzen, unterwegs. Manchmal auf dem Holzweg, oft auf einem Umweg, gelegentlich auf dem Abweg, auf Hin- oder Rückweg, auf dem Heimweg oder – im schlimmen Fall – auf der Flucht. Fluchtwege sind Wege aus der Gefahr. Fluchttüren gehen nach außen auf. Nichts wie weg! Aber wohin? Wir suchen Wege zum Besseren. Wo man arbeiten, wohnen, essen und trinken kann. Einfach in Frieden leben. Solche Orte werden immer knapper. Je geringer sie werden, desto mehr wächst der Bedarf. Immer mehr drängen zu den engen Räumen des Wohlstands. Flucht vor Krieg und Mord, Vertreibung, Flucht aus Aussichtslosigkeit, Verwüstung und Armut. Flucht wohin? Auf den historischen Land- und Weltkarten werden die Reisen der großen Irrfahrer, Missionare und Entdecker mit Linien dargestellt: Odysseus, Paulus, Magellan, Kolumbus, Vasco da Gama. Seit es Menschen gibt, legen sie Wege zurück. Einst von Europa, das man lange für die Mitte hielt, in alle Richtungen der Ferne. Heute kommen welche aus der Ferne zu uns nach Europa. Nicht weil es die Mitte wäre, sondern der Hort des Wohlstands. Jedenfalls noch. Und nur wer im Wohlstand lebt, lebt angenehm. Wege lassen sich abbilden, von Wegen lässt sich erzählen. Die Wege der Götter sind unergründlich. Die der Menschen nicht. Wenn Kulturen aufeinandertreffen Im Islam ist Religion keine Privatsache. Die Religion strukturiert den Alltag, ihre Gesetze regeln das soziale Leben, das Verhältnis der Gechlechter und bestimmen die Erziehung. Der Vater ist das Oberhaupt der Familie, die Frau dem Mann Untertan. Ihre Kleidung, ihr Verhalten unterliegen Geboten und Verboten. Die Einhaltung der Gesetze gewährleistet die Ehre. All das kennen wir nicht. In Deutschland sind Männer und Frauen gleichberechtigt, können sich kleiden wie sie wollen, Kirchen besuchen und beten oder eben nicht. Religion ist „Privatsache“. Fordern muslimische Migranten den Respekt für ihre religiös verankerten Gesetze und Lebensweisen, etwa Verzicht auf Schweinefleisch und Kopftuchgebot, erscheinen uns die Fliehenden, Schutzsuchenden plötzlich als Eroberer. Islamisierung und Untergang des Abendlandes drohen. Solange wir es nicht mit Fundamentalismus zu tun haben, bleibt uns nichts anderes übrig, als die uns fremden Gesetze und Traditionen zunächst einmal zu verstehen und, wo es denn machbar ist, zu tolerieren. Integration ist nicht eine Sache von Tagen, Wochen oder Monaten, sondern von Generationen. Auch diese Zeiträume bieten keine Garantie. Die dritte Generation verfällt unter dem Eindruck einer gewissen Heimatlosigkeit nicht selten einem Rückfall in Überkommenes. „Drei sieben fünf machten sich die Völker auf die Strümpf.“ So haben wir uns in der Schule den Beginn der Völkerwanderung eingeprägt. Diese Völker waren Fliehende! Sie wanderten nicht aus Lust auf Luftveränderung, sondern weil mongolische Reitervölker ihre Siedlungsgebiete am Kaspischen und Schwarzen Meer zerstörten. Wenn diese Ostgoten den Untergang des Römischen Reiches bewirkten und beschleunigten, gab es doch auch nach Rom noch Geschichte und Zivilisation. Dem Abendland blühte das Mittelalter mit bergender Romanik und himmelwärts greifender Gotik. Die Renaissance brachte die nationalen Kulturen und Sprachen hervor. Im Barock explodierten das Gold und die Verzierungen. Von Untergang jedenfalls nicht die geringste Spur. Klimawandel Wo wird es uns einmal hinziehen? In den Norden vielleicht. Wer aus dem Orient und Afrika zu uns gewandert ist, kann hohe Temperaturen besser vertragen als wir. Mit unseren Wohn- und Geländemobilen, mit Cargo-Hosen und Cross-Rädern ziehen wir nach Norden, nach Norden und immer nur nach Norden. Skandinavien, das Land der tausend Seen, das Land der Fjorde, das Land von IKEA, das Land der Samen und Lappen, der Nordpolarkreis bieten vielleicht kommode Siedlungsgebiete. Grönland wird eisfrei und eröffnet womöglich im Sommer, wenn die Sonne Tag und Nacht scheint, neue Weinbaugebiete. Die Welt ist niemals gleich geblieben. Diee Welt hat sich immer verändert. Die Welt wird sich immer verändern. Und wie immer ist sie mitten dabei. Konservative wollen, daß alles so bleibt, wie es ist. Rechts davon wollen viele, daß alles so bleibt, wie es niemals war. Das bleiben verderbliche Träume, mehr nicht. Unser Planet ist in ständiger Bewegung. Wir auch. Jörg W. Gronius

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Details

ISBN: 9783945126349
Verlag: Saarländisches Künstlerhaus
Erscheinung: 15.01.2017

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