Eine wissensdurstige Homöopathin, ein HNO-Arzt, dessen Praxis gerade in die Insolvenz läuft, ein menschenscheuer Banker, eine medizinische Assistentin, die gern eine Göttin wäre, ein Chemiker, den seine Arbeit krank macht, eine Mutter, die nicht altert, ein Krankenkassenangestellter, der einmal in seinem Leben zu den Gewinnern zählen will – das sind nur auf den ersten Blick die Zutaten dieser Erzählung. Sie alle spielen ihre Rolle und fühlen sich gleichzeitig darin eingeengt.
Elke Hussel führt den Leser hinter die Kulissen und Fassaden unserer hoch differenzierten Wirklichkeit und fügt lang schon verstreute Puzzleteile wieder zusammen. Behutsam entspinnt sich ein anderes Denkmodell, das Gedanken und Wissen zusammenführt, statt alles in begreifbare Scheibchen zu zergliedern. In diesem Sinngefüge erklärt die griechische Mythologie den Tod dreier Menschen, zwei Liebende haben keine Wahl, als Verdis Maskenball zu entfliehen, ein herzkranker Mann repräsentiert Deutschland. Und ganz nebenbei liefert das Buch einen spannenden Beitrag zum Krankheitsstand unseres Gesundheitssystems.
Eine wissensdurstige Homöopathin, ein HNO-Arzt, dessen Praxis gerade in die Insolvenz läuft, ein menschenscheuer Banker, eine medizinische Assistentin, die gern eine Göttin wäre, ein Chemiker, den seine Arbeit krank macht, eine Mutter, die nicht altert, ein Krankenkassenangestellter, der einmal in seinem Leben zu den Gewinnern zählen will – das sind nur auf den ersten Blick die Zutaten dieser Erzählung. Sie alle spielen ihre Rolle und fühlen sich gleichzeitig darin eingeengt.
Elke Hussel führt den Leser hinter die Kulissen und Fassaden unserer hoch differenzierten Wirklichkeit und fügt lang schon verstreute Puzzleteile wieder zusammen. Behutsam entspinnt sich ein anderes Denkmodell, das Gedanken und Wissen zusammenführt, statt alles in begreifbare Scheibchen zu zergliedern. In diesem Sinngefüge erklärt die griechische Mythologie den Tod dreier Menschen, zwei Liebende haben keine Wahl, als Verdis Maskenball zu entfliehen, ein herzkranker Mann repräsentiert Deutschland. Und ganz nebenbei liefert das Buch einen spannenden Beitrag zum Krankheitsstand unseres Gesundheitssystems.
Elke Hussel
Stadium Vierzehn: Ein typisch deutscher Maskenball in wechselnden Sichten, von Ralf Julke, L-IZEs ist eine recht schmale Erzählung, knapp 80 Seiten, knapp eine Woche lang. Am Ende gibt es ein paar nicht ganz unerwartete Todesfälle, aber die Krise ist längst im Gang, als die Homöopathin Helen am Montagmorgen um 7:47 Uhr mit vollgepackter Tasche die Marmortreppe zu ihrer Praxis hinaufsteigt.Oder schnauft, ächzt, stöhnt, immerhin beschäftigt sie sich bei diesem winterlichen Kraftakt intensiv mit der Schwerkraft. Man lernt noch ein gutes Dutzend weiterer moderner Großstädter kennen, die alle auf ihre Art unter einem maskenhaften Leben leiden. Und das nicht nur im romanhaften deutschen Sinn mit all den Grübeleien über das, was sie tun, tun sollten und nie getan haben. So ganz kann sich Elke Hussel nicht lösen von dieser vom Feuilleton so geliebten Sichtweise aufs Leben.Weltreisende, die in dieser Zeit nach Deutschland kommen, müssen uns alle für Trauerklöße halten. Vielleicht liegt es auch einfach daran, wie wir unsere Geschichten erzählen. Denn auch das Selbstbild einer Gesellschaft entsteht über Geschichten. Und wenn die große Fabel fehlt, zersplittert alles in viele kleine Fabeln, in Lebensfragmente. Erst recht, wenn die hochgesetzten Ansprüche weder mit der Wirklichkeit noch mit den tatsächlichen Bedürfnissen im Einklang stehen.Elke Hussel, in Freiberg/Sachsen geboren, studierte Angewandte Kulturwissenschaften, hat auch schon ein Buch über Marcel Reich-Ranicki geschrieben, das wahrscheinlich die Allerwenigsten gelesen haben werden: 'Marcel Reich-Ranicki und ›Das Literarische Quartett‹ im Lichte der Systemtheorie'. – 'Der immer wieder gestellten Frage nach der Daseinsberechtigung von Literaturkritik nähert sich dieses Buch aus systemtheoretischer Perspektive. Kann man heute noch von einer gesellschaftlich notwendigen Funktion der Literaturkritik sprechen, und wie könnte diese begründet werden? Welche Rolle spielen hierfür explizite Werturteile?', heißt es dazu in der Kurzbeschreibung.Mittlerweile ist sie als Heilpraktikerin in München tätig. Die Nähe zu ihrer Heldin Helen ist also gegeben. Und so fern werden ihr auch die Sorgen ihrer anderen Figuren nicht sein. Immer wieder ändert sie die Perspektive, schlüpft in die verschiedenen Rollen. Man lernt diese kleine Welt also mit unterschiedlichen Augen kennen. Etwa aus denen von Nikolaus, stolzer Inhaber einer HNO-Praxis, mit Helen befreundet. Aber genau in diese Woche fällt sein Termin mit seinem Bankberater, denn die Praxis schliddert schlicht auf die Insolvenz zu: Wieder einmal wurde an den Spielregeln des deutschen Gesundheitswesens herumreformiert, die Vergütungsmodalitäten für die Ärzte wurden verändert - da bleiben halt schon mal die Gelder aus.Es geht in Hussels Geschichte zwar nicht explizit um das, was Generationen vom Spar- und Reformeifer besessener Politiker aus dem Gesundheitswesen gemacht haben. Aber ihre Figuren stecken mitten drin in diesem Kafka-Bau. Nikolaus versucht noch, gute Miene zum bösen Spiel zu machen, doch die Begegnung mit seinem Bankberater mutet dann doch schon wie die Begegnung mit einer finsteren Echse an. Es gibt zwar lichte Momente in diesem Münchner Winter-Kaleidoskop - eine optimistische Gruppe älterer Hobby-Malerinnen etwa und eine scheinbar recht fitte Senioren-WG. Doch so recht innig sind all diese Beziehungen nicht und die Dramen kündigen sich beinah nicht an, denn jeder ist - wie es scheint -, ganz mit sich selbst beschäftigt und mit der Aufrechterhaltung eines unzerkratzten Außenbildes.Ein Maskentanz, den Wolfgang Böttcher, Leipziger Maler und Grafiker und einst einer der Mitarbeiter Werner Tübkes beim großen Panorama-Gemälde in Bad Frankenhausen, mit kleinen Radierungen auch als venezianischen Karneval in Szene gesetzt hat. Ein Spiel im Spiel. Denn während der Karneval in Venedig jedes Jahr sein Ende findet, gibt es für die Figuren aus Elke Hussels Kaleidoskop nur ein Ende - den Tod. Das kann man symbolisch lesen und den herzkranken Wolf Deutschmann mit dem ganzen kurzatmigen Land vergleichen. Muss man aber nicht. Denn das, was ihm passiert, passiert Tausenden anderen tagtäglich. Der Maskenreigen ist nicht wirklich eine Fabel, nicht einmal eine Groteske.Und wäre Elke Hussel nicht mit Reich-Ranickis delikatem Literatur-Quartett aufgewachsen, sondern beispielsweise in der angelsächsischen Literatur, dann wäre aus dieser Figurenkonstellation ein atemloser, dicht gepackter Reportageroman geworden, der in einem der finstersten deutschen Milieus handelt: dem zum Tummelplatz der Bürokraten und Geldschneider verkommenen Gesundheitswesen, unter dem sie alle leiden - die ratlosen Patienten, die überforderten Ärzte, die Liebe-Suchenden und die Ungeliebten, die Fehlberatenen und im Fließband ›Verarzteten‹.Am Ende sind tatsächlich die Tickets nach Venedig gebucht. Die Lösung scheint die einzig mögliche: eine Flucht aus dem Wahnsinn. - Das ist dann auch wieder eine deutsche Lösungsstrategie für diese Erzählung, die eigentlich zur Novelle tendiert, der deutschen liebstes Prosa-Kind: Sie endet meistens (systembedingt) so hübsch versöhnlich. Nicht immer mit einem Ausflug nach Venedig. Aber wenn schon, denn schon. Der Maskenball geht ja weiter.
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