Wir neigen dazu, uns aus den Erfolgen früherer Wissenschaft das herauszupicken, was sich als zukunftsweisend herauskristallisiert hat. William Harveys Blutkreislauf, Thomas Willis’ Hirnanatomie, Thomas Sydenhams Schärfe der klinischen Beobachtung. Es entsteht ein Bild revolutionärer Umwälzungen in der Medizin des 17. Jahrhunderts, das deren weitgehende Wirkungslosigkeit für die ärztliche Alltagspraxis ausblendet. Generationen von Ärzten dachten, lebten und arbeiteten 200 Jahre weiter in der Vorgeschichte einer obsolet gewordenen Anatomie Galens.
Es gab viele Gründe für die Zählebigkeit dieses antiken Systems der Heilkunst. Eine alchemistische Interpretation des Stoffwechsels, ein Missverständnis des Blutkreislaufs, ein tief eingegrabenes Denkmuster der zweitausendjährigen Philosophiegeschichte mit ebenso langen unveränderten ärztlichen Gewohnheiten in Diagnostik und Therapie. Und es gab den spirituellen Sturm einer tief verunsicherten und gespaltenen Gesellschaft, in dem Ärzte der Seele das Kommando über Stoffwechselvorgänge übergaben.
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Helmut Veil
Helmut Veil, geb. 1943, war Allgemeinarzt in Frankfurt am Main und beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit der Geschichte der Naturwissenschaften. Er untersucht die kulturellen und ideellen Voraussetzungen epochaler Gärungsprozesse der Naturerkenntnis, in denen sich festgefügte Erklärungsmuster zersetzen und neue noch nicht etabliert haben.
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