Eine Vielzahl von Blättern, von Mäusen angenagt, nie auf-
genommen in die literarische Biographie des Autors. Als
im Sommer 2009 ein großer Koffer vom Pfarrhof in Rothberg/
Roşia in das nahe Hermannstadt/Sibiu gebracht wurde, konnte
über dessen Inhalt allenfalls gemutmaßt werden.
Im Zentralarchiv der Evangelischen Kirche A. B. in Rumänien,
wo die Dokumente aus dem Koffer in den Vorlass Eginald
Schlattners eingepflegt werden sollten, erkannte man verblüfft,
dass es sich um Manuskripte aus einer bis dahin praktisch un-
bekannten Schaffensperiode Eginald Schlattners handelte.
Eginald Schlattner ist heute vor allem als Romanautor be-
kannt. Mein Nachbar, der König und Odem beinhalten eine
Auswahl seiner früheren Erzählungen. Diese zeigen, welches
bewegte Schicksal dem Autor und seiner Literatur zuteil gewor-
den ist, welchen Einfluss Verlage und Lektorat hatten, wie Maß-
regelungen das Schreiben behinderten und wie er versucht hat,
sich in das literarische Leben seiner Zeit zurückzuschreiben.
Es zeigt sich aber auch, dass es eine über zwanzig Jahre andau-
ernde Zäsur in der schriftstellerischen Tätigkeit Schlattners gab.
Eine Zeit des literarischen Schweigens bis in die 1990er Jahre
hinein – bevor er der bekannte Romanautor mit dem markan-
ten roten Schal wurde.
Editorische Grundlage der vorliegenden Ausgabe ist das Manuskript von Eginald Schlattners Odem, das von Erika Constantinescu, Lektorin der deutschen Redaktion der ESPLA, im November 1957 korrigiert und mit Anmerkungen versehen wurde. Die Erzählung erschien nicht, weil der Autor einen Monat später von der Securitate verhaftet wurde.
Größtmögliche Authentizität war das Ziel der Herausgeberin Michaela Nowotnick, die diese frühe Erzählung des siebenbürgischen Autors und Pfarrers entdeckt und bearbeitet hat. Der Leser sei gewarnt: Simple Lesbarkeit war nicht unbedingt eines der primären Ziele der Edition.
Eginald Schlattner
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