Die Zwangsumsiedlung der Armenier in der Hochphase des Ersten Weltkrieges gehört zu den komplexesten und zu den kontrovers diskutierten Ereignissen der jüngeren Geschichte. Gekonnt führt Prof. Dr. Kemal Çiçek den Leser durch die Zeit der politischen Wirren im Osmanischen Reich und veranschaulicht die Umstände, die die osmanische Führung zu dieser Entscheidung bewogen haben. Gewiss, in den mittlerweile annähernd 100 Jahren, seit dem ersten Schritt zur kollektiven Umsiedlung der Armenier, wurde vieles verfasst. Diverse Dokumente wurden in den Archiven entdeckt und neue
Erkenntnisse gewonnen. Um die Ereignisse in der Zeitspanne zwischen 1915 und 1917 ranken sich zugleich viele unbestätigte Überlieferungen. Anhand britischer und amerikanischer Archivdokumente räumt der Autor auf eine bemerkenswerte Art und Weise mit dem „Mainstream-Mythos“ auf. Wie mit einem Brennglas beleuchtet Kemal Çiçek von neuem die bislang als wahr geglaubten Quellen und spürt dabei akribisch kleinste Ungereimtheiten in den Schilderungen auf.
Er erklärt aus dem Blickwinkel eines Historikers welche politischen und militärischen Entwicklungen die Osmanische Regierung dazu bewogen haben eine „große Menschenmenge“
tausende Kilometer von ihrer angestammten Heimat umzusiedeln. Darüber hinaus beleuchtet er die armenischen Aufstände und welche Auswirkungen diese auf die innere Sicherheit gehabt haben. Er beschäftigt sich ferner mit den Menschen die vom Zwangsumsiedlungsgesetz betroffen waren und was mit Ihrer Hinterlassenschaft geschehen ist.
Kapitel 3 behandelt zunächst die Umsetzung des Umsiedlungsgesetzes in einigen Regionen und thematisiert die Wegstrecken und die Sicherheit. Während in Kapitel 4 die Ankunft und der Alltag in den Camps beleuchtet wird widmet sich das abschließende Kapitel den menschlichen Verlusten während des Krieges. Der frühere britische Premierminister Winston Spencer Churchill (1874-1965) schrieb einst über Geschichte und erklärte „Je weiter man zurückblicken kann, desto weiter wird man vorausschauen.“ In diesem Sinne ist das vorliegende Geschichtsbuch sehr ausführlich und vorausschauend, das mit vielen Hintergrundinformationen versehen ist.
Kemal Çiçek
Prof. Dr. Kemal Ҫiçek, geboren 1965 in Kastamonu/Türkei, studierte an den Universitäten Ankara und Birmingham Geschichte. An der University of Birmingham schloss er 1992 seine Dissertation mit dem Thema Zimmis of Cyprus in the Sharia Courts ab. Er lehrte das Fach Geschichte an der Universität von Trabzon, der TOBB of Economics and Technology sowie der Universität von Ankara. Von der Stiftungsgesellschaft für Wissenschaft und Forschung, TÜBAV, erhielt er für seine Arbeiten den Forschungspreis. Von 2011- 2016 unterrichtete Ҫiçek an der İpek Universität in Ankara. Er ist Leiter des Instituts für türkische Geschichte am Strategischen Forschungszentrum Neue Türkei. Er ist Autor und Herausgeber von zahlreichen Büchern, darunter “Ermeni Sorununa Disiplinler Arası Bakıș” (Interdisziplinäre Perspektiven in der Armenierfrage), Hrsg. Hasan Celal Güzel und Bestami S. Bilgiç, Yeni Türkiye Yayınları, 2017, “Ermeni-Sorununda Tehcir ve Ötesi” (Die Umsiedlung in der Armenierfrage und darüber hinaus), Astana Yayınları, 2016, “L’exode Force Des Armeniens (1915-1917)”, TTK Yayınları, Ankara 2015, “Ermenilerin Zorunlu Göçü 1915-1917” (Die Zwangsumsiedlung der Armenier 1915-1917), Türk Tarih Kurumu Yay. Ankara, 2005.
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