Wer auf die Idee kam, auf dem nächtlichen Markt gemeinsam die beiden Nationalhymnen anzustimmen, und zwar den Text der einen auf die Melodie der jeweils anderen, kann ich nicht mehr sagen. Was uns Benebelten als Inbegriff der Originalität erschien: Becher auf Haydn, Fallersleben auf Hanns Eisler, war für die Anwohner schlicht ruhestörender Lärm zu nachtschlafender Zeit.
Ein Fenster öffnete sich, eine ungemütlich klingende Männerstimme erscholl über den Platz: 'Haltet endlich eure gottverdammten Schnauzen, ihr Scheißwessis!'
Bernhard Hecker erzählt Typisches und Kurioses aus dem ostdeutschen Alltag vor, während und nach der Wende. Mit spitzer Feder und journalistischem Gespür für die treffende Pointe nimmt er die sozialistische Presse, aus dem Ruder laufende Funktionäre sowie die 'schrumpfende Warendecke' ebenso aufs Korn wie die unter so manchen 'Besserwessis' verbreitete Goldgräberstimmung. Alles änderte sich, aber vieles hielt sich auch hartnäckig. Fast von einem Tag auf den anderen verschwand der 'sozialistische Gruß' von Behördenbriefen und wurde aus dem 'Genossen' wieder ein 'Herr', aber die Thüringer Bratwurst trat ihren Siegeszug weit über die Grenzen ihrer Heimat hinaus an und sogar die Soljanka lebt weiter – im ostdeutschen Untergrund!
Bernhard Hecker
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