Und ich teilte ihm auch unmissverständlich mit, dass ich den ursprünglichen Inhalt der roten Mappen und das daraus entstandene Buch für zweifelhaft und die Handlung für verworren halte. Schließlich werden in den Texten immer nur Bewusstseinszustände eines Akteurs in der Vergangenheit (Thailand) und eines Autors in der Gegenwart geschildert – und in beiden Fällen handelte es sich immer um dieselbe Person, nämlich um Ulrich Melzer. Erschwerend kommt hinzu, dass diese Schilderungen meistens in einer unüblichen, differenzlosen, ewig fortdauernden Gegenwartsform präsentiert werden. Außerdem, so sagte ich meinem Lektor, seien viele Passagen einfach nur pornographisch, pervers und nicht zuletzt auf unangenehme, abstoßende Weise monströs, kriminell und böse. Die gelungenen Reisebeschreibungen und einige tiefgründige philosophische Reflexionen stünden in einem merkwürdigen Kontrast zu all dem anderen zweifelhaften Zeug.
Als Beleg für die Beschaffenheit des Textes hatte ich ein kleines Exposé verfasst, sowie einige originale Blätter aus den roten Mappen und auch meinen eigenen vollständigen Text, Melzers Buch, mitgebracht. Schließlich musste er sich selbst ein Urteil bilden können, wenn er mir einen Verlag empfehlen sollte. „Gib mal her!“, sagte mein Lektor und griff sich erst die Blätter, dann mein Exposé und schließlich meinen Text. Warten. Er schaute es sich an, versank geradezu darin. Das Warten wurde langsam peinlich. „Es ist gutes Wetter, Du kannst im Palmengarten oder auf der Zeil einen Spaziergang machen. Wir treffen uns dann in zwei Stunden wieder hier. Ich habe zu tun!“ Damit war ich offensichtlich entlassen. Lektoren sind ein unglaublich arrogantes Pack. Nur noch durch Kritiker zu übertreffen. Aber im Palmengarten verrauchte mein Zorn ganz schnell. Was konnte mir schon passieren? Und schließlich hatte er Recht, das Wetter war wirklich wunderbar. Entspannt schaute ich von einer eisernen Bank auf den Weiher des Palmengartens in der Nähe des Eingangs, ein Ort, den auch Ulrich gemocht hatte.
Nach zwei Stunden und fünfzehn Minuten klopfte ich wieder an die Tür meines Lektors. Der hatte sich offenbar im Exposé und besonders in den Blättern aus den roten Mappen festgelesen und viele Notizen gemacht, die nun wirr um ihn herum auf dem Schreibtisch verteilt waren. Er zweifelte nach der Lektüre zwar sehr an der Authentizität der Blätter (er dachte, ich hätte das verfasst) – begann aber unversehens, an einem neuen Romankonzept für mich, für den Schriftsteller Andreas Sandler, zu basteln. Hätte ich nur nie das Lektoratsbüro betreten! Denn so löste sich meine Absicht der Schadensbegrenzung durch eine billige Kleinauflage in Luft auf. Ich habe dem Lektor zu wenig Widerstand geleistet. Als das Gespräch begann, hatte ich schon verloren.
Zuerst fragte er mich, wozu Bücher taugen würden. Eigentlich war es eine Frechheit, einem Schriftsteller diese Frage vorzuhalten. Daher gab er sich auch selbst die Antwort: „Was meinst Du, warum gehen Menschen überhaupt einer so absurden, weltflüchtigen, unproduktiven Tätigkeit wie dem Lesen nach? Natürlich deshalb, weil ihnen die eigene Welt nicht reicht. Die ist langweilig und vorhersehbar. Daher brauchen sie andere Welten. In unserem Kopf ist Lesen wie Leben. So, wie der Schlaf uns in ein Traum-Bewusstsein hineinzieht, so geben uns Bücher ein ganz eigenes Lese-Bewusstsein. Und jedes Bewusstsein ist wie eine eigene Welt. Die meisten Menschen könnten mit ihrem weltlichen Wirklichkeitssinn nichts anfangen, wenn da nicht ein spekulativer Möglichkeitssinn wäre, der sie in andere Welten entführt. Ohne Phantasie ist das Leben wie eine Maschine. Genau an dieser Stelle helfen wir den Menschen mit unseren Büchern. Und was da angeblich Dein Freund Melzer hinterlassen hat, das ist eine unglaubliche Phantasiereise an den Rand des Möglichen, des überhaupt Denkbaren. Was hast Du dagegen? So etwas muss verrückt sein!“
Dann wies er mich ohne Umschweife darauf hin, dass ich bald meinen Kredit als aktueller deutscher Gegenwartsautor verspielt haben würde, wenn nicht ein neuer Roman von mir auf den Markt käme. Er sähe in diesem Machwerk Potential genug für einen polyglotten, erotischen Roman mit philosophischem Tiefgang, und zwar genau auf dem Niveau der ZEIT-Leser: Halbgebildet, elitär und mit einem geistigen Führungsanspruch knapp links an der Mitte vorbei. Das sei die Zielgruppe, das sei heute nötig. Wir bräuchten in Deutschland unbedingt einen neuen Houellebecq, der diese intellektuellen Tiefflieger wachrüttelt. Und Houellebecq spiele doch in dem Text sowieso eine wichtige Rolle. „Es wird Dein Comeback werden!“, setzte er lockend mit hochgezogenen Augenbrauen hinzu.
Wegen der außerordentlichen (erotischen und moralischen) Brisanz des Textes sei allerdings für vollständige Anonymisierung und Maskierung zu sorgen – und so würde es dann schließlich ganz und gar mein Buch werden – rote Mappen hin oder her. Mir blieb die Luft weg als ich das hörte. Lektoren sind skrupellos. Er muss gemerkt haben, dass das eine Umdrehung zuviel war. Meine Hinweise auf die mögliche juristische Brisanz der Texte tat er ab: „Wenn die Konkurrenz ‚American Psycho‘ unzensiert bringen kann, dann ist das hier schon gar kein Problem.“
Damit war fast alles gesagt. Nach seiner Entscheidung das Buch zu machen, hat der bauernschlaue Lektor sich über die neue Literatur ausgelassen, um mir zu zeigen, wo das Projekt in der aktuellen Szene eigentlich hingehört. „Krausser, Kirchhoff, Berg – das reicht in Deutschland nicht. Keiner von denen bringt die öde Schärfe von Houellebecq, oder Beigbeder. Kehlmann und solche Leute sind doch nur bieder und brav, Musterknaben, auch wenn sie zweifellos ziemlich gut schreiben. Die Thailandbücher von Demski und Haslinger zielen auf etwas ganz anderes, das ist keine Konkurrenz für unser Thailand-Projekt. Sybille Berg ist in Ordnung, aber zickig. Wir haben sie nicht bekommen, obwohl sie von Verlag zu Verlag tingelt. Und was ist, wenn man auf den Rest der Welt schaut? Ich greife nur mal Murakami und Auster als Beispiele heraus. Der eine ist ein verkappter Mystiker und Gut-Mensch, der andere ein perfekter, glatter Schreibkonstrukteur mit einem Vatertrauma und sehnsüchtigen Suchtiraden. Meistens machen die doch immer nur das Gleiche, das Gleiche, das Gleiche. Die anderen hoch dekorierten Deutschen beschreiben momentan ihre widerwärtigen Alterungsprozesse unter diesem oder jenem Deckmantel. Wer will das schon wissen? Warum sollten wir nicht einfach mal Schund mit Tiefgang machen. Kirchhoffs Schundroman war doch auch eine Spitzenleistung. Warum hat der nicht weiter gemacht? Dass der Dummkopf damals unseren Verlag verlassen hat, das wird ihn bis ans Ende seiner Schreibereien ärgern.“
Eine zeitlang spekulierte er noch darüber, warum die Menschen für abseitige, depressive Texte – besonders die von Houellebecq und Berg – nicht nur bezahlen, sondern das Zeug vermutlich auch noch mit Genuss lesen. Eigentlich sei das mit dem gesunden Menscherverstand nicht zu erklären. Für ihn lag aber die Mechanik der Trüb-Sinn-Rezeption auf der Hand: „Wenn man sieht, wie schlecht es andern gehen kann, dann fühlt man sich gleich getröstet und besser. Das wusste schon Freud. Je schwärzer der Text, desto intensiver der Trost und die Lust am Elend der anderen. So ist das!“ Und deshalb legte er mir ganz herzlich nahe, bei meiner weiteren Arbeit an dem Buchprojekt diesem wirksamen Marktmechanismus des gepflegten Trübsinns unbedingt mehr Beachtung zu schenken.
Roland Quant
Krimi Philosophische Abhandlung Pornographische Beschreibungen Rotlichtmilieu Thailand Schriftstellerbiographie Tatsachenbericht Thailand Landeskunde Thriller Universitätsalltag