Im Gewebe von Arno Schmidts Großroman »Zettel’s Traum« hat Winand Herzog etwa 135 Knotenpunkte untersucht, an denen Schmidt Zettel- und Schussfäden sich kreuzen lässt. An diesen Stellen taucht die Untersuchung in die Tiefe der Anspielungen sowie Zitatverweise und enthüllt an der Oberfläche verborgene (Be-)Deutungsschichten des Romans. So werden die bewegenden Themen dieses frühen Alterswerks sichtbar, Auseinandersetzung mit den Eltern, unglückliche Liebe, Impotenz, (Un-)Sterblichkeit …
Arno Schmidt hat das Verfahren der Textherstellung in »Zettel’s Traum« einmal mit einem Gobelin verglichen, also einem textilen Gewebe von vertikalen Kettfäden (auch »Zettel« genannt) und horizontalen Schussfäden.
»Zettel & Schuss« untersucht Schmidts Verfahren anhand von etwa einem halben Dutzend zentraler Begriffe des Romans, die als rote Fäden (= Zettel) durch das Textgewebe verfolgt und analysiert werden. Diese Begriffe werden von anderen Begriffen gekreuzt, den querschießenden Fäden (= Schuss). Durch diese Kreuzungen ergibt sich in der konkreten Analyse ein textliches Untersuchungsgewebe von ungefähr 150 unterschiedlichen bedeutungstragenden Begriffen, die in etwa 135 Knotenpunkten – Textpassagen oft im Umfang von fünf bis zehn Seiten – analysiert und gedeutet werden. Hierzu werden rund 100 Zitatquellen Schmidts ausführlich gesichtet und in ihrer Bedeutung für »Zettel’s Traum« in die Untersuchung eingearbeitet. Durch dieses Analyseverfahren wurde ein bedeutender Teil des Romans in die Interpretation einbezogen, obwohl keine Gesamtauslegung intendiert sein konnte.
Die Analyse in »Zettel & Schuss« begnügt sich eben nicht mit der Zweidimensionalität der längslaufenden und querschießenden Fäden, sondern untersucht die dritte Dimension der Knotenpunkte. Im Ergebnis tun sich dadurch sogenannte »Wurmlöcher« auf, wenn die Analyse Arno Schmidts Anspielungsraum in seinen herangezogenen Quellen aufschließt. Dieses in der vorgelegten Untersuchung Dutzende Male demonstrierte Verfahren deckt die von Schmidt in seinen Quellen tatsächlich gemeinten Anspielungen auf, die in der Oberflächenstruktur von »Zettel’s Traum« lediglich durch Signalwörter repräsentiert sind. Durch die genaue Analyse der von Schmidt angezielten Quellen wird im Ergebnis bestimmt, welchen eigenen Beitrag diese Quellen zu den in »Zettel’s Traum« verhandelten Thematiken liefern.
Winand Herzog
Winand Herzog studierte Germanistik, Sozialwissenschaften, Philosophie und Psychologie. »Zettel & Schuss« ist das fünfte Buch des Verfassers zu Arno Schmidt. Sein Studium schloss er 1975 mit einer Analyse von Arno Schmidts Roman »Die Gelehrtenrepublik« ab, als eine der ersten zehn wissenschaftlichen Arbeiten zu Arno Schmidt. Unter dem Titel »Keine Experimente!« veröffentlichte er 2010 eine wesentlich erweiterte Fassung seiner Untersuchungen einschließlich einer kommentierten vollständigen Forschungsübersicht zum Roman und der generellen Entwicklung der Schmidt-Forschung bis 2010; zuvor edierte er 2007 mit einem Begleitbuch den verschollenen Film »ANNO SCHMIDT« mit Rafael Alberti als Arno Schmidt und Anita Ekberg (dessen Muse) in den Hauptrollen, beide Publikationen in der edition paroikia.
Arno Schmidts Textrevue »Das zweite Programm« zu dem gleichnamigen Triptychon Eberhard Schlotters stand im Mittelpunkt der Monographie »Das zweite Programm. Arno Schmidt als Theaterautor und der Maler Eberhard Schlotter«, 2012 erschienen in der edition text + kritik. Ebenfalls in der edition text + kritik publizierte Winand Herzog 2019 unter dem Titel »Ein »böses ‹Zu spät!›«? – Arno Schmidts dyadisches Schreiben« Untersuchungen zu Arno Schmidts »Dankadresse zum GoethePreis 1973«, die er als dessen literarisches Testament dechiffriert. Der Autor ist ebenfalls Verfasser zahlreicher weiterer Einzelstudien zu Arno Schmidt, die seit 2007 im Bargfelder Boten erscheinen, zuletzt 2023 ein langer Essay zu Schmidts Roman »Das steinerne Herz«.
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