Nachdem eine Vielzahl von Parallelen zu biblischen Erzählungen im buddhistischen Schrifttum entdeckt worden waren, versuchten im vergangenen Jahrhundert verschiedene Autoren einen indischen Einfluß im Neuen Testament nachzuweisen. So sah man in der unbefleckten Empfängnis Jesu und des Buddha, in den Gestalten des greisen Simeon und des Sehers Asita, die beide ein neugeborenes Kind auf die Arme nehmen und es als den zukünftigen Retter erkennen, so viele Übereinstimmungen, daß man glaubte, diese nur durch die These einer Entlehnung, meist aus den älteren buddhistischen Quellen, erklären zu können. Die Parallelität in der Lebensdarstellung Jesu und des Buddha beschränkte sich nach einigen Autoren jedoch nicht nur auf einzelne Bilder und Wunder, wie etwa den Wasserwandel, oder auf Lehrsätze ihrer Botschaften und die Art, diese in Parabeln und Gleichnissen vorzutragen, sondern umgreife ihr ganzes Leben, angefangen von der Präexistenz und der Inkarnation bis zum Erdbeben beim Tode.
Albert Joseph Edmunds (1857-1941) zählte z.B. in dem Buch "Buddhist and Christian Gospels", das in den Jahren 1908-1909 erweitert in vierter Auflage erschien, allein 112 Parallelen auf. Gleichwohl hatte schon der Leipziger Philosoph Rudolf Seydel (1835-1892) mit seiner im Jahre 1882 erschienenen Schrift "Das Evangelium von Jesu in seinem Verhältnis zu Buddha-Sage und Buddha- Lehre" nicht nur zum ersten Mal versucht, die Parallelen wissenschaftlich zu erfassen, sondern auch dadurch eine Kontroverse entfacht, daß er immerhin 51 Erzählungen des Neuen Testamentes nannte, die buddhistischen Ursprungs seien.
Ein besonderes Gewicht bekam die These von der buddhistischen Abhängigkeit des Neuen Testamentes dadurch, daß die buddhistischen Texte des Pâli-Kanons, der die kanonischen Schriften des südlichen Buddhismus enthält, aus vorchristlicher Zeit stammen. Damit schien sich unter dem Einfluß des sich entwickelnden Historismus des vergangenen Jahrhunderts die Lösung der Abhängigkeitsfrage zwingend zugunsten des Buddhismus zu ergeben. Dennoch wurde von anderen Autoren die These vertreten, daß das Neue Testament gegenüber den buddhistischen Texten älter sei und die Parallelität auf der Entlehnung aus christlichen Quellen beruhe.
Nüchtern betrachtet folgten die vorgelegten Resultate oftmals weniger einer strengen wissenschaftlichen Analyse als vielmehr dem freien Spiel der Assoziation. Statt einer fundierten Argumentation wird den Parallelen häufig stillschweigend eine Abhängigkeit unterstellt. Naturgemäß bringt eine solche Methode das Problem selbst in Verruf. Dennoch ist das Problem vorhanden und harrt einer Lösung. Am Beispiel des Wasserwandels wird in der vorliegenden Publikation nach neuesten Erkenntnissen nun ein indischer Einfluß auf das Neue Testament mit hoher Wahrscheinlichkeit glaubwürdig gemacht. Damit stellen sich für die Kultur- und Religionsgeschichte neue Fragen.
Norbert Klatt