Aus dem Nachwort: "Wie man das System besiegt oder Glaube kontra Religion", von Dzvezdan Georgievski:
Der Roman »Pulverschwaden« von Branislav Gjorgjevski ist – ein mutiger Roman! Und innovativ für die mazedonische Literatur. In jeder Hinsicht. Vor allem in Bezug auf den Inhalt, und das heißt auf das Thema, das er bearbeitet, die Botschaften, die er vermittelt, und die Emotionen, die er hervorruft … Doch es ist eine kühne Lektüre auch ihrer Form nach, vor allem durch die Art, auf die die Grundidee des Romans präsentiert wird.
Und eben die Idee des Romans ist das, was »Pulverschwaden« aus der Plejade ausgezeichneter Prosawerke hervorhebt, die in Mazedonien in den letzten Jahren erschienen sind. Ganz allgemein gesagt, es geht um den Einfluss der gesellschaftlichen, sagen wir ruhig der historischen Umstände auf das Leben des Einzelnen. Die Figuren des Romans, einige mit Illusionen, andere ohne solche, sind im Wesentlichen machtlos im Strudel der gesellschaftlichen und politischen Geschehnisse. Sie sind zombifizierte Objekte, die von einer unsichtbaren Hand des Großen Systems gelenkt werden. Unabhängig davon, ob sie an die sogenannten »höheren« Ideen glauben oder nicht, unabhängig vom Typ ihrer Religion, Nation u.Ä. sind sie im Wesentlichen alle Opfer, machtlos, in welcher Weise auch immer auf ihre eigenen Schicksale und Leben Einfluss zu nehmen. Und dieses unselige Schicksal nimmt niemanden aus, auf keiner einzigen Basis – am wenigsten auf nationaler und religiöser. Doch das System macht bei seinen Opfern auch keinen Unterschied nach ihrer Begabung, Bildung, ihrem kulturellen Milieu, ihrem Beruf … Alle werden wir gleichermaßen zermahlen vom Mühlstein des Ministeriums der Großen Wahrheit.
Es geht also um eine Dystopie im Hier und Jetzt. Im Wesentlichen handelt es sich um eines der möglichen Schicksale Mazedoniens, um einen fiktiven, doch völlig realen christlich-moslemischen Krieg, der als Ergebnis angeheizter Spannungen und Spaltungen unter der Bevölkerung ausbricht und der alle erfasst. Auch jene, die nicht an die Ziele und Ergebnisse dieses Krieges glauben. Und das trifft auf die Hauptfigur in »Pulverschwaden« zu, den Dramenautor Michail, der gegen seinen Willen in den Strudel des Krieges mithineingezogen wird. Michail ist nämlich kein Anhänger einer Religion und hält religiöse Werte im Sinne von Menschenopfern, Verwüstungen und Aussiedlungen nicht für relevant. Dieser Antagonismus tritt auf unterschiedlichen Ebenen auf, in der Relation Theismus/Atheismus, bzw. Glauben daran, dass Er existiert, und Glauben daran, dass Er nicht existiert; des weiteren über die globale gesellschaftliche Autorität gegenüber individuellen Auffassungen bzw. eine allgemeine Wahrheit als einzig annehmbare gegenüber der Freiheit des Denkens; natürlich ist da auch das Verhältnis Patriot/Verräter, Held/Feigling usf. Dies ganze komplexe Problem wird im Wesentlichen durch die nuancierte psychologische Porträtierung der Figuren gelöst, die Gjorgjevski miniaturskizzenhaft gelingt, was auf jeden Fall zu den bemerkenswertesten Qualitäten dieses Romans zählt.
Eben diese Gegensätzlichkeiten faszinieren den Leser inhaltlich und halten seine Aufmerksamkeit bis zum letzten Schlusspunkt des Romans wach. Die Auflösung dieses Typs von Antagonismen führt nie zu einem glücklichen Ende. Auch »Pulverschwaden« stellt in dieser Hinsicht keine Ausnahme dar. Doch trotzdem gibt es ein »trotzdem«. Dem Autor gelingt es nämlich äußerst geschickt, den Glauben der Religion gegenüberzustellen. Und zwar den Glauben an das Leben und an die Liebe. Selbst da, wo es scheint, dass alle Schiffe gesunken sind und es keine Hoffnung mehr gibt, vermögen der Glaube an das Leben und die Kraft der Liebe die Situation nicht nur erträglicher zu machen, sondern auch einen anständigen Raum zum Existieren zu schaffen. (...)
Zunächst ist dies die Wiedererkennbarkeit der Situation. Obwohl also dieser Krieg gar nicht existiert, kann ihn der Leser leicht wiedererkennen, weil er im Wesentlichen nicht nur in seinen Ängsten existiert, sondern in der gesamten gesellschaftlichen Atmosphäre. Er existiert nicht nur als Mahnung, sondern als reale Möglichkeit für den Fortbestand des degenerierten Übergangssystems, unter dem wir schon allzu lange leben.
All dies vermittelt Gjorgjevski dem Leser unter anderem mit Hilfe des stärksten literarischen Werkzeugs – in Briefform. Denn nahezu die Hälfte des Romans besteht aus Briefen, genauer gesagt, dem Briefwechsel zwischen Michail und seiner Liebe Eleonora. Diese Methode nutzt der Autor erfolgreich zur Bekanntmachung mit seinen Figuren und unserer (des Lesers) Identifizierung mit ihnen. Der postmodernistische Ansatz (Verwendung von Lyrik und Drama) erfolgt mit beneidenswertem Gefühl für das Maß, gerade so weit, dass die eventuelle Monotonie des beschriebenen Alltäglichen durchbrochen wird.
Mit anderen Worten, auch die Form des Romans bzw. die Art seiner Heranführung an den Leser ist absolut innovativ in der gegenwärtigen mazedonischen Literatur. Eine so glückliche Verbindung von Form und Inhalt, zusammen mit der großen Idee, die dieser Roman vermitteln will, machen »Pulverschwaden« zu einem einzigartigen Phänomen in der mazedonischen Gegenwartsliteratur.
Branislav Gjorgjevski
Branislav Gjorgjevski, Jahrgang 1986, ist in der nordmazedonischen Hauptstadt Skopje geboren, wo er auch heute lebt und arbeitet, und hat 2009 an der dortigen Juristischen Fakultät sein Studium im Fachgebiet Journalismus abgeschlossen. Bereits 2012 hat er eine erste Sammlung von Erzählungen veröffentlicht: »All diese Gegenden«. Im März 2015 erschien ein Bändchen mit Kurzprosa unter dem Titel »Nördlich der Sonne«, das im folgenden Jahr, 2016, in deutscher Übersetzung herausgegeben wurde: »Abseits der Balkanroute«. Eine der Kurzgeschichten, »Die Stadt«, wurde von Frau Prof. Christina Kramer (Slavistik Toronto) ins Englische übertragen (»The City«) und in der Online-Literaturzeitschrift M-Dash publiziert. Anfang April 2018 fand in Skopje die Präsentation seiner neuesten literarischen Arbeit statt, des Romans »Pulverschwaden«.
Antikriegsroman in Briefform Balkan Religionskrieg