Die Tanten sind pro Anti-Psychiatrie-Bewegung. Das heißt auf deutsch, der psychisch Kranke muss nicht in die Irrenanstalt. Er kriegt seine Medikamente ambulant. Die Gummikammer ist überflüssig: Die Medikamente machen dem psychisch Kranken einen Gummikörper, mit dem kann er überall herum laufen und ist frei. Der psychisch Kranke darf wie Mama in seiner gewohnten Umgebung sein. Mamas gewohnte Umgebung besteht seit der Scheidung nur noch aus der Franka und mir. Wir geben ihr das Gefühl gebraucht zu werden und einen Sinn. Laut Beipackzettel darf Mama in ihrem Zustand nicht Auto fahren oder andere Maschinen bedienen. Vom Kindererziehen steht da nichts.
SINUS ist ein Bilderbuch für Erwachsene – na, sagen wir mal: für Erfahrene. Denn Erwachsenwerden ist wie eine Autofahrt. Wenn du mit einer Mutter im Auto sitzt, die abwechselnd himmelhoch jauchzend und zu Tode betrübt ist, wird die Autofahrt zu einem wilden Abenteuer: voller Kurven, über Berge und durch Täler, mal Full Speed, mal im Schneckentempo, mal wunderschön und mal lebensgefährlich. Bis du selber Autofahren lernst. Dann wird alles besser. – Denkste, Puppe!
Naema Gabriel erzählt mit Text und Zeichnung gleichermaßen intensiv die Geschichte eines Mädchens, das neben ihrer manisch-depressiven Mutter trotz allem irgendwie zur Frau wird. Der Stoff eines ganzen Coming-of-Age-Romans setzt sich aus kleinen, intensiven Puzzleteilen im Kopf des Lesers zu einem ungewöhnlichen Roadmovie zusammen. Ohne zu jammern, ohne zu bagatellisieren und ohne zu werten beleuchtet die Erzählerin verschiedene Aspekte einer familiären Konstellation, die eine denkbar schwierige Startposition für eine Lebensreise bietet und behält dabei ihren Sinn für Humor – und für die Liebe.
Naema Gabriel
Adoleszenz Depression Jugend manisch-depressiv