Regelmäßig treffen sich einige ehemalige Schulkameraden in einem Wiener Kaffeehaus, reden über ihren Alltag und über frühere Zeiten. Plötzlich sitzt dort einer, der vor Jahrzehnten ermordet wurde, verschwindet wieder und vergisst einen Lateintext …, ein Indiz, dass es sich um keine Einbildung handelt.
Nacheinander kippen die Männer aus ihrer Gegenwart, finden sich in der Schule wieder, in längst aufgelassenen Lokalen, begegnen geliebten und ungeliebten Verstorbenen – und stoßen in einem irren Reigen der Zeit auf Träume und Hoffnungen ihrer Jugend, die bei Gott kein Paradies war und klopfen an die Tore zum Jenseits, das wiederum kein Paradies verspricht.
Durch Christian Lockers kaustischen Humor blitzen ernste, unabweisbare Fragen: Wo liegen die Grenzen von Leben und Tod, von Gegenwart und Erinnerung, von Erkenntnis und Wahngebilde, und gibt es diese überhaupt? Die Schulklasse als Abbild der Gesellschaft mit ihren Charakteren, ihren Bindungen und Konflikten wird zum Fokus des Daseins. Einen Schülerroman, einen Schauerroman, einen surrealen, so manches Mal typisch alkoholgetränkten Wienroman würzt der Autor mit philosophischen Exkursen und dem rauen Wiener Beisl-Schmäh zu einem einzigartigen, spannenden Ganzen. Und nach der Lektüre ist nichts mehr so, wie es vorher war … oder besser: sein wird?
Seltsames ereignet sich in dem abgeschabten Wiener Kaffeehaus, in dem sich einige Männer regelmäßig zu einem selektiven Klassentreffen versammeln: sehr unterschiedliche Charaktere und Lebensläufe seit je. Doch wenn da plötzlich einer sitzt, der vor Jahrzehnten ermordet wurde – und seinen Ovid zurücklässt, so wie vor Jahrzehnten schon. und verständnislos ein Handy anstaunt …, ist dann die Zeit in eine Schleife gekippt?
In einen irren Reigen treten die Figuren ein, alte Erinnerungen, alte Liebschaften und Verfehlungen mischen sich mit dem Heute, unentwirrbar, verwinkelt und verwickelt, und die Hauptfigur weiß nicht mehr im Geringsten, wie ihr geschieht. Was soll ein nicht mehr ganz junger Mann auch sagen, wenn er nur mit Milch ernährt wird, Windeln trägt, sich an Dinge erinnert, die erst kommen müssen, kommen können? An Brüsten nuckelt, aber anders als er es eigentlich tun möchte? Der Leser und die Leserin wissen dies sehr wohl – nicht dass sie durchschauen könnten, was da abgeht, nein, das gewiss nicht. Und sie werden aus dem Staunen nicht rauskommen, wenn sie dem Autor durch dieses Panoptikum folgen, das er entfaltet, sich auf seinen hinterfotzigen Humor, auch seine schalkhafte Phantasie einlassen, einfach mit ihm mitgehen beim Narrenzug durch das nächtliche (oder tägliche?) Wien –. Subtile Unterhaltung auf höchstem Niveau!
Christian Locker