Dr. Beasley war ein äußerst pünktlicher
Mensch. Doch gerade bei meiner
Geburt verspätete er sich. Mein Vater
wurde unruhig. Als der Arzt dann doch
kam, entschuldigte er sich in aller Form.
Zum ersten Mal in seinem Leben sei er
vorhin zu einer jüdischen Familie gerufen
worden. Es sei eine schwere Geburt gewesen.
„Haben Sie denn schon einmal ein jüdisches
Kind gesehen, mein Freund?“
Vater zuckte mit den Schultern. „Nein,
woher denn, so etwas habe ich noch nie
gesehen. Aber wie sieht das denn aus?“
„Tja, wie soll ich sagen ... Also, da brauche
ich erst mal einen Tropfen ...“
Er leerte ein halbes Glas Whiskey, dann
fühlte er sich bereit für die ganze Wahrheit:
„Sie werden es nicht glauben, aber es
sieht genauso aus, wie alle anderen Neugeborenen.
Das ist wirklich so.“
Dann war es soweit. Ich kam zur Welt.
Und sah aus wie alle anderen Babys ...
Dieses bemerkenswerte Buch ist das Protokoll einer langen Reise. Es zeichnet ein Leben nach, das im November 2017 ein Jahrhundert umfassen wird und von Vertreibung, Exil und persönlichen Rückschlägen gekennzeichnet war.
Es zeigt uns die Ohnmacht des Einzelnen gegenüber den politischen Wirren eines Jahrhunderts, aber auch den unbändigen Willen, stets von neuem zu beginnen. Elsie Slonim, 1917 in New York geboren, wuchs in Baden bei Wien auf.
Sie hat zwei Weltkriege, mehrere Wirtschaftskrisen, den Nationalsozialismus, eine Evakuierung von Zypern nach Palästina, und schließlich, nach ihrer Rückkehr auf die Insel, die türkische Invasion auf Zypern 1974 miterlebt.
Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten geriet das Leben der jungen Frau aus den Fugen. Sie erfuhr, was es heißt, Jüdin zu sein. „Ich dachte, ich sei Österreicherin, ich trug doch ein Dirndl!“, erzählt Elsie Slonim. Ihr amerikanischer Reisepass schützte sie zeitlebens vor Verfolgung.
1939 emigrierte sie unter dem Druck der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft wieder in die USA. Der Großteil ihrer Familie wurde von den Nationalsozialisten ermordet.
Seit 1974 lebt Elsie Slonim inmitten der militärischen Sperrzone des von der Türkei besetzten Nordteil Zyperns, als einzige Zivilperson, beschützt und bewacht von jenen, die ihr alles genommen haben.
Die Bücher Elsie Slonims sind ein Zeitzeugnis, Mahnung und auch eine Kraftquelle, in einer Zeit, in der so manches, das in Europa scheinbar für immer Garant für Frieden und Freiheit gewesen zu sein schien, ins Wanken gerät und sich der Nationalismus wieder überall erhebt.
Elsie Slonim
Elsie Slonim wird 1917 in New York
als Tochter österreichischer Auswanderer
mit jüdischen Wurzeln geboren.
1919 kehrt die Familie nach Österreich
zurück, wo Elsie bis 1936 die
Mittelschule in Baden und danach die
Kunstgewerbeschule für Architektur
und Kunstgeschichte in Wien besucht.
Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten
1938, deren Zeitzeugin
sie ist, flüchtet sie zu ihren Eltern nach
Temesvar, Rumänien. 1939 beginnt so
eine Flucht, die ihr gesamtes Leben
andauern sollte und in der militärischen
Sperrzone der türkischen Besatzungsmacht
in Nordzypern endet.
Dort lebt sie heute ohne jedwede
Garantien als einzige Zivilperson, und
beschützt, von jenen, die ihr und ihrer
Familie alles genommen haben.
Am 21.11.2017 wird Elsie Slonim 100
Jahre alt.
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So inhaltsschwer wie inhaltsschön und ganz ohne
jede Übertreibung oder Propaganda werden hier Fakten
zum Jahrhundert europäischer Ausgrenzung, Verfolgung,
Auslöschung, Vertreibung, Krieg und Völkermord
aus eigenem Erleben beschrieben. Sich treu und
der simplen Wahrheit verpflichtet, die da heißt: So und
nicht anders erging es mir, schreibt sie dabei so weise
wie ergreifend poetisch, so lebenserfahren kraftvoll,
dass es ganz und gar einmalig in der Literatur ist.
Peter Wawerzinek
Träger des Ingeborg-Bachmann-Preises
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Elsie Slonim ist nicht nur Zeitzeugin, sie ist auch eine
Erzählerin. Als Zeitzeugin hat sie die Auswirkungen des
Ersten Weltkriegs miterlebt und den Zweiten Weltkrieg
selbst erfahren; den Nationalsozialismus, die türkische
Invasion auf Zypern und mehr als eine Wirtschaftskrise
überstanden. Seit dem Tod ihres Mannes David lebt
Elsie Slonim mit ihrem Dackel „Schatzi“ als einzige Zivilperson
alleine in einem türkischen Militärsperrgebiet
am Rand der geteilten Stadt Nikosia; ohne Garantien
und Sicherheiten, durch einen Zaun von der EU getrennt.
Die Geschichte, wie es dazu kam, ist wie alle
anderen zutiefst persönlich und zeitlos zugleich.
Chris Haderer, Journalist
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