Dr. Beasley war ein äußerst pünktlicher
Mensch. Doch gerade bei meiner
Geburt verspätete er sich. Mein Vater
wurde unruhig. Als der Arzt dann doch
kam, entschuldigte er sich in aller Form.
Zum ersten Mal in seinem Leben sei er
vorhin zu einer jüdischen Familie gerufen
worden. Es sei eine schwere Geburt gewesen.
„Haben Sie denn schon einmal ein jüdisches
Kind gesehen, mein Freund?“
Vater zuckte mit den Schultern. „Nein,
woher denn, so etwas habe ich noch nie
gesehen. Aber wie sieht das denn aus?“
„Tja, wie soll ich sagen ... Also, da brauche
ich erst mal einen Tropfen ...“
Er leerte ein halbes Glas Whiskey, dann
fühlte er sich bereit für die ganze Wahrheit:
„Sie werden es nicht glauben, aber es
sieht genauso aus, wie alle anderen Neugeborenen.
Das ist wirklich so.“
Dann war es soweit. Ich kam zur Welt.
Und sah aus wie alle anderen Babys ...
»Ich dachte, ich sei Österreicherin, ich trug doch ein
Dirndl. Ich musste weg. Ich war mir nicht bewusst, dass
ich Jüdin bin, bis die Nazis gekommen sind.«
»Baden ist für mich immer noch unser Heim. Ich
habe Baden sehr geliebt. Das Haus hatte einen großen
Garten, Obstbäume, einen Ententeich und vorne einen
Ziergarten mit Rosen; ein Paradies für uns Kinder. Nach
dem Zweiten Weltkrieg hat es mein Vater verkauft. Es
hat so wehgetan.«
»So erklärte ich meinem Mann David unmissverständlich,
dass ich nicht gewillt war, von meinem Heim
in Zypern wegzugehen, ganz gleich, was geschehen
würde. Selbst auf die Gefahr hin, dass er mich hier alleine
zurücklassen muss.«
Elsie Slonim lebt bis heute als einzige Zivilperson in der militärischen Sperrzone der türkischen Besatzungsmacht in Nordzypern.
»Ich dachte, ich sei Österreicherin, ich trug doch ein
Dirndl. Ich musste weg. Ich war mir nicht bewusst, dass
ich Jüdin bin, bis die Nazis gekommen sind.«
»Baden ist für mich immer noch unser Heim. Ich
habe Baden sehr geliebt. Das Haus hatte einen großen
Garten, Obstbäume, einen Ententeich und vorne einen
Ziergarten mit Rosen; ein Paradies für uns Kinder. Nach
dem Zweiten Weltkrieg hat es mein Vater verkauft. Es
hat so wehgetan.«
»So erklärte ich meinem Mann David unmissverständlich,
dass ich nicht gewillt war, von meinem Heim
in Zypern wegzugehen, ganz gleich, was geschehen
würde. Selbst auf die Gefahr hin, dass er mich hier alleine
zurücklassen muss.«
Elsie Slonim lebt bis heute als einzige Zivilperson in der militärischen Sperrzone der türkischen Besatzungsmacht in Nordzypern.
Elsie Slonim
Elsie Slonim wird 1917 in New York
als Tochter österreichischer Auswanderer
mit jüdischen Wurzeln geboren.
1919 kehrt die Familie nach Österreich
zurück, wo Elsie bis 1936 die
Mittelschule in Baden und danach die
Kunstgewerbeschule für Architektur
und Kunstgeschichte in Wien besucht.
Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten
1938, deren Zeitzeugin
sie ist, flüchtet sie zu ihren Eltern nach
Temesvar, Rumänien. 1939 beginnt so
eine Flucht, die ihr gesamtes Leben andauern
sollte und in der militärischen
Sperrzone der türkischen Besatzungsmacht
in Nordzypern endet. Dort lebt
sie heute ohne jedwede Garantien als
einzige Zivilperson, bewacht von jenen,
die ihr und ihrer Familie alles genommen
haben.
Am 21.11.2017 wird Elsie Slonim 100
Jahre alt.
Elsie Slonim 1917 Wien USA Holocaust Palästina Flucht Europa im Ersten und im Zweiten Weltkrieg Baden bei Wien Nationalsozialismus Nikosia Zeitzeugin Auschwitz lebt als einzige Zivilperson in der Sperrzone in Nikosia Türkische Invasion In Zypern 1974
Nein, diese Hundertjährige steigt nicht aus dem
Fenster und verschwindet wie bei Jonas Jonasson. Diese
Hundertjährige schreibt ihr erstes Buch und nimmt ihre
Leser nicht nur bei den Händen, sondern schreitet uns
voran auf ihrem Lebensweg. Und legt dabei ein so umwerfendes
frisches Debüt hin, dass man lesend jubelt.
So inhaltsschwer wie inhaltsschön und ganz ohne jede
Übertreibung oder Propaganda. So bündig und kurz
wie gnadenlos gerecht und hart es nur geht, werden
hier Fakten zum Jahrhundert europäischer Ausgrenzung,
Verfolgung, Auslöschung, Vertreibung, Krieg und
Völkermord aus eigenem Erleben beschrieben. Und das
so angriffslustig wie verhalten es sich im Ton für eine
ewig junggebliebene neue Autorin gehört, die im ruhigen
und dadurch erst so richtig anklagenden Erzählton
zu uns spricht, uns anrührt und wütend sein lässt.
Sich treu und der simplen Wahrheit verpflichtet, die
da heißt: So und nicht anderes erging es mir, schreibt
sie dabei so weise wie ergreifend poetisch, so lebenserfahren
kraftvoll, dass es ganz und gar einmalig in der
Literatur ist. Und ist dabei auch immer einmal wieder
das Quäntchen nachsichtig und milde gestimmt wie es
nur diese Hundertjährige sein darf.
Peter Wawerzinek, Träger des Ingeborg-Bachmann-Preises 2010
()
Elsie Slonim ist nicht nur Zeitzeugin, sie ist auch eine
Erzählerin. Als Zeitzeugin hat sie die Auswirkungen des
Ersten Weltkriegs miterlebt und den Zweiten Weltkrieg
selbst erfahren; den Nationalsozialismus, die türkische
Invasion auf Zypern und mehr als eine Wirtschaftskrise
überstanden. Seit dem Tod ihres Mannes David lebt
Elsie Slonim mit ihrem Dackel „Schatzi“ als einzige Zivilperson
alleine in einem türkischen Militärsperrgebiet
am Rand der geteilten Stadt Nikosia; ohne Garantien
und Sicherheiten, durch einen Zaun von der EU getrennt.
Die Geschichte, wie es dazu kam, ist wie alle
anderen zutiefst persönlich und zeitlos zugleich.
Chris Haderer, Journalist
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