Caterina von Siena (1347 bis 1380) gehört zu den faszinierendsten Frauengestalten des europäischen Mittelalters. Ihre Herkunft – sie entstammt einer einfachen, in Siena ansässigen Handwerkerfamilie – schloß sie eigentlich von allen Bildungs- und Aufstiegmöglichkeiten aus, und doch gelang es der dominikanischen Laienschwester, den “gran cerchio d’ombra” (Dante) zu durchbrechen und als sprachgewaltige Mystikerin ebenso wie als engagierte Friedenspolitikerin vor die erstaunten Zeitgenossen zu treten. Mystik und Politik, das ist kein Widerspruch, vielmehr bilden vita contemplativa und vita activa im Verständnis Caterinas eine untrennbare, notwendigerweise aufeinander bezogene Einheit.
Die Legenda Maior, in der Caterinas Beichtvater, der nachmalige dominikanische Ordensgeneral Raimund von Capua (um 1330 bis 1399), das Bild einer ‘idealtypischen’ Heiligen unter den Bedingungen des Großen Abendländischen Schismas entwirft, ist eine der wichtigsten, wenn nicht die wichtigste Quelle zu Caterinas Leben. Im Textband der vorliegenden Edition wird die Legenda Maior in der Fassung der Nürnberger Handschrift Cent. IV, 75 vorgelegt, die im venezianischen Scriptorium des Tommaso Caffarini entstanden ist und eine zentrale Rolle in der Verbreitung des Caterinen-Kultes jenseits der Alpen gespielt hat. Dem mittellateinischen Text ist eine moderne deutsche Parallelübersetzung beigegeben. Im Kommentarband werden in Synopse mit den Werken Caterinas und den sonstigen caterinianischen Quellen die vielschichtigen Bezüge der Legenda Maior zu den theologisch-philosophischen und politisch-gesellschaftlichen Themen der Zeit sichtbar gemacht.
Raimund von Capua
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