„Sie nahm einen zierlichen roten Sonnenschirm mit Elfenbeingriff
und wanderte auf die Straße hinaus, in die Richtung zur Promenade
hin, die auf den abgefl achten Wällen angelegt ist und die bunte
alte Stadt wie einen dichten grünen Kranz umschließt. In der Mitte
des großen Kranzes schimmerte und strahlte es von Farben. Rote,
vielgestaltige Dächer, Türme in großer Zahl: abgefl achte mit durchbrochenen
Kronen, spitze mit Filigranwerk aus mattem Stein, und
massive mit hellgrün patinierter Haube. Und jenseits der doppelten
breiten Lindenalleen blinkende schilfumstandene Gräben. Gärten in
sommerlicher Reife und Stille …eine Stadt des Behagens …, mit dem
großen Leben kaum verbunden … Draußen pochte das Neue, Starke:
ein jung geeintes Reich. Das waren die Preußen, straff und hastig.
Man sah ohne Neugier, fast ablehnend, zu. In dieser Stadt alter Traditionen
lebte eine ruhige, selbstverständliche Wohlhabenheit und
Sicherheit, und nur hier und da brach die prickelnd freie Unterströmung
hervor …“
Familie Brake ist seit 1919 der Münster-Roman. Clara Ratzka
hat ihrer Heimatstadt damit ein anrührendes Denkmal gesetzt.
Alt-Münster ist im Bombenhagel untergegangen. Wir können
aber im Roman manch Atmosphärisches entdecken, das uns
auch heute noch vertraut vorkommt.
Es beginnt 1879 mit einem Sippentreffen und endet im unheilschwangeren
Jubel der Mobilmachung 1914. In der Familiensaga
spiegelt sich die ständisch-bürgerliche Provinzgesellschaft
im Kaiser reich. Frauen stehen im Mittelpunkt des Geschehens.
In einigen Schicksalen kann man zweifelsfrei Züge von Clara
Ratzkas eigener Biografi e erkennen - eines wechselvollen Lebens
zwischen Zwängen, Depression, Selbstverwirklichung, luxuriösen
Ansprüchen, Sehnsüchten oder verlorenem Liebesglück …
Clara Ratzka