Im Mittelpunkt dieser Studie steht das Epistolarium Marx Welsers (1558–1614), also die Korrespondenz dieses bedeutenden Augsburger Späthumanisten, der sich als Historiker, Kaufmann und Politiker einen Namen gemacht hat. Seine Briefe behandeln ökonomische, politische und vor allem literarische Themen der damaligen Zeit und stellen somit eine wertvolle Quelle dar. Sie datieren genau, wann sich Welser mit welchen Themen beschäftigte und sind die einzigen Dokumente, in denen der Späthumanist seine eigene Meinung, wenn auch zuweilen sehr verklausuliert, niederschreibt. Da keine anderen Formen von Ego-Dokumenten – etwa eine Autobiographie, Tagebücher und dergleichen – zur Verfügung stehen, ist das Epistolarium zur Erschließung von Marx Welsers Leben und Persönlichkeit von großer Bedeutung.
Magnus U Ferber
Welser, Marx Korrespondenz Briefwechsel
(Mark Häberlein, Zeitschrift für Historische Forschung, 37. Band 2010 Heft 3)Marx Welser d. J. - Sprössling einer der ältesten und angesehensten Augsburger Patrizierfamilien, Teilhaber der Welserschen Handelsgesellschaft, als Stadtpfleger Inhaber des höchsten reichsstädtischen Amtes, Geschichtsschreiber und Verleger - gilt seit langem als wichtige Gestalt des mitteleuropäischen Späthumanismus. In den letzten Jahren haben unter anderem Bernd Roeck, Benedikt Mauer, Inge Keil und Wolfgang Kuhoff Aspekte seines Wirkens beleuchtet. Dass eine monographische Arbeit zu ihm bislang fehlte, liegt maßgeblich darin begründet, dass Welsers umfangreiche Korrespondenz nicht geschlossen überliefert, sondern über zahlreiche europäische Archive und Bibliotheken verstreut ist. Allein die Rekonstruktion von Welsers Epistolarium, das 1361 handschriftliche und gedruckte Briefe bzw. Briefexzerpte umfasst, stellt vor diesem Hintergrund eine höchst verdienstvolle Forschungsleistung dar. Dieses Epistolarium dient Ferber als Grundlage für die Darstellung von Welsers gelehrten Interessen und Aktivitäten sowie seiner Einbindung in die Netzwerke des europäischen Späthumanismus. Die Darstellung gliedert sich in fünf Kapitel. Im ersten Kapitel gibt Ferber einen Überblick über den Lebensweg Welsers und seine Schriften. Das folgende Kapitel bietet eine Charakteristik der Welser-Korrespondenz. Ferber zufolge kann grundsätzlich "nicht […] von einer höheren Authentizität von handschriftlichen gegenüber gedruckten Briefen gesprochen werden". Vielmehr müsse der Quellenwert der Briefe in jedem Einzelfall bestimmt werden (104). Die wichtigsten unter Welsers 104 Korrespondenzpartnern waren der Jesuit Matthäus Rader und der bayerische Herzog Maximilian I. Ferner spielte das späthumanistische "Dreigestirn" Justus Lipsius, Joseph Justus Scaliger und Isaac Casaubon im Korrespondenznetz eine wichtige Rolle. Ein besonderer Stellenwert kommt zudem der Korrespondenz mit den führenden Astronomen der Zeit, Galileo Galilei, Christoph Clavius und Johannes Kepler, zu. In geographischer Hinsicht konzentrieren sich Welsers Briefpartner in Italien, den Niederlanden und süddeutschen Städten (München, Nürnberg, Heidelberg); die dominierende Sprache ist Latein, gefolgt von Italienisch und Deutsch.Das Kapitel über "Anwendungsbereiche des humanistischen Briefes" beleuchtet die Funktionen des Briefs als Gesprächsersatz, Medium des Informationsaustauschs, Wissensspeicher und Möglichkeit, einen bestimmten (in diesem Fall taciteischen) Schreibstil zu pflegen. Ferber zufolge bewegte sich Welser in gelehrten und politischen "Teilöffentlichkeiten" (191) und war intensiv in die "Diskursgemeinschaft" (192) der europäischen Humanisten um 1600 eingebunden. Im folgenden Kapitel über "Welser als Vermittler" arbeitet Ferber die Rolle des Augsburgers in mehreren Kontroversen der Zeit - zwischen Lipsius und den italienischen Humanisten, zwischen den sich verfestigenden Konfessionsparteien, zwischen dem Münchener und dem Heidelberger Hof um die pfälzische Kurwürde sowie zwischen Galilei und anderen Astronomen um das Phänomen der Sonnenflecken - heraus. Welsers Vermittlungstätigkeit zeigt, dass er in einer Zeit der konfessionellen Blockbildung um die Einheit der res publica litteraria und die Aufrechterhaltung der politischen Ordnung des Reiches bemüht blieb. Zugleich mehrte er als Vermittler seinen Ruhm innerhalb der Gelehrtenwelt. Auch wenn seine Rolle in der astronomischen Kontroverse um die Sonnenflecken eine Interessenverschiebung hin zu den neuen empirischen Wissenschaften andeutet, dominierte den Briefwechsel, wie Ferber im letzten Kapitel ausführt, eindeutig ein antiquarisches Interesse. In einer von Skepsis und Pessimismus geprägten Zeit ging es Gelehrten wie Welser vor allem um die Sicherung überlieferter Wissensbestände.Ferbers Studie verdanken wir die erstmalige Rekonstruktion und Analyse eines der wichtigsten Briefwechsel des mitteleuropäischen Späthumanismus. Da alle 1361 aufgefundenen Briefe und Briefexzerpte im Anhang chronologisch unter Angabe der Fundstelle dokumentiert sind, bildet sie zugleich die Grundlage für alle weiteren Forschungen zu diesem Thema.(Helmut Zedelmaier, Zeitschrift für bayerische Landesgeschichte, 08.10.2010)In seiner Zeit war der Augsburger Unternehmer, Politiker, Gelehrte und bayerische Hofhistoriograph Marx Welser ein berühmter und viel gefragter Mann. Darauf verweist sein umfangreicher gelehrter Briefwechsel. Mit beinahe allen, die um 1600 in der europäischen Gelehrtenrepublik Rang und Namen hatten, mit Justus Lipsius, Isaak Casaubon, Joseph Justus Scaliger, um nur das berühmte späthumanistische Dreigestirn zu nennen, wechselte Welser Briefe, aber auch mit Vertretern der neuen (Natur-)Wissenschaft, mit Galileo Galilei oder Tomasso Campanella. "Niemahls hat ein Mann in der Republik der Gelehrten mehr Freunde gehabt als er", heißt es noch im 18. Jahrhundert im Zedler.Die moderne historische Forschung über Welser, der ab 1600 bis zu seinem Tod 1614 die städtische Spitzenposition eines Stadtpflegers seiner Heimatstadt inne hatte, ist dagegen eher spärlich. Das erklärt sich daraus, dass Welsers Nachlass zusammen mit seiner Briefsammlung verloren ging. Magnus Ulrich Ferber hat sich davon nicht abhalten lassen und, betreut von Wolfgang Weber und Maximilian Lanzinner, eine aufschlussreiche Dissertation über Marx Welser verfasst. Aus der Not geringer historischer Überlieferung hat Ferber eine Tugend gemacht. Seine Untersuchung resümiert eingangs zwar auch Leben und Werk Welsers ("Biographie eines Unternehmers, Gelehrten und Politikers", S. 28-92), der mit den "Rerum Boicarum libri quinque" als Begründer der kritischen bayerischen Geschichtsschreibung gilt. Im Zentrum der Arbeit steht allerdings die Auseinandersetzung mit Welsers Briefcorpus. Da die Untersuchung hier nicht auf Welsers eigener Briefüberlieferung bauen konnte, musste sein briefliches Beziehungsnetz, ausgehend von den "Opera" Welsers, die 1682 der Nürnberger Gymnasialdirektor Christoph Arnold herausgab, erst mühsam rekonstruiert werden ("Zusammenstellung des Welserischen Briefcorpus", S. 93-140). Insgesamt 1361 Briefe mit 104 Briefpartnern, 601 an und 760 von Welser, konnte der Verfasser identifizieren, indem er unterschiedliche ungedruckte und gedruckte Quellen auswertete. Im Anhang der Arbeit (S. I-LXVI) ist das beeindruckende "Epistolarium" Welsers verzeichnet, zuerst chronologisch, jeweils mit Angabe der Briefpartner, der Sprache und des Quellennachweises, dann alphabetisch geordnet nach Briefpartnern (die Liste reicht von Bernardino Baldi bis Bartolomeo Zucchi).Zusammenstellung und kommentierende Aufschlüsselung von Welsers Briefcorpus sind aber nur das Fundament für den eigentlich innovativen Teil der Arbeit. Was Ferber in einer differenzierten Analyse und Kontextualisierung der Briefe aus dem Epistolarium Welsers herausholt ("Anwendungsbereiche des humanistischen Briefes", S. 141-246), ist schon erstaunlich. Indem er sich weniger auf den Inhalt der Briefe einlässt, vielmehr sich auf deren Funktion als Medien gelehrter Kommunikation und Interaktion konzentriert, arbeitet Ferber beispielhaft Regeln und Grenzen der europäischen Gelehrtenrepublik um 1600 heraus. Die vielen präzisen Einzelbeobachtungen ergeben gleichsam ein kleines Handbuch darüber, wie die europäische Gelehrtenrepublik damals funktionierte, welche Spiel- und Sprachregeln der Kommunikation zugrunde lagen, wie gewährleistet war, dass Informationen schnell zirkulierten, Handschriften ausgetauscht, gemeinsame Editionsprojekte nationen- und konfessionsübergreifend geplant, durchgeführt und kommentiert werden konnten.In seiner Zeit war der Augsburger Unternehmer, Politiker, Gelehrte und bayerische Hofhistoriograph Marx Welser ein berühmter und viel gefragter Mann. Darauf verweist sein umfangreicher gelehrter Briefwechsel. Mit beinahe allen, die um 1600 in der europäischen Gelehrtenrepublik Rang und Namen hatten, mit Justus Lipsius, Isaak Casaubon, Joseph Justus Scaliger, um nur das berühmte späthumanistische Dreigestirn zu nennen, wechselte Welser Briefe, aber auch mit Vertretern der neuen (Natur-)Wissenschaft, mit Galileo Galilei oder Tomasso Campanella. "Niemahls hat ein Mann in der Republik der Gelehrten mehr Freunde gehabt als er", heißt es noch im 18. Jahrhundert im Zedler.Die moderne historische Forschung über Welser, der ab 1600 bis zu seinem Tod 1614 die städtische Spitzenposition eines Stadtpflegers seiner Heimatstadt inne hatte, ist dagegen eher spärlich. Das erklärt sich daraus, dass Welsers Nachlass zusammen mit seiner Briefsammlung verloren ging. Magnus Ulrich Ferber hat sich davon nicht abhalten lassen und, betreut von Wolfgang Weber und Maximilian Lanzinner, eine aufschlussreiche Dissertation über Marx Welser verfasst. Aus der Not geringer historischer Überlieferung hat Ferber eine Tugend gemacht. Seine Untersuchung resümiert eingangs zwar auch Leben und Werk Welsers ("Biographie eines Unternehmers, Gelehrten und Politikers", S. 28-92), der mit den "Rerum Boicarum libri quinque" als Begründer der kritischen bayerischen Geschichtsschreibung gilt. Im Zentrum der Arbeit steht allerdings die Auseinandersetzung mit Welsers Briefcorpus. Da die Untersuchung hier nicht auf Welsers eigener Briefüberlieferung bauen konnte, musste sein briefliches Beziehungsnetz, ausgehend von den "Opera" Welsers, die 1682 der Nürnberger Gymnasialdirektor Christoph Arnold herausgab, erst mühsam rekonstruiert werden ("Zusammenstellung des Welserischen Briefcorpus", S. 93-140). Insgesamt 1361 Briefe mit 104 Briefpartnern, 601 an und 760 von Welser, konnte der Verfasser identifizieren, indem er unterschiedliche ungedruckte und gedruckte Quellen auswertete. Im Anhang der Arbeit (S. I-LXVI) ist das beeindruckende "Epistolarium" Welsers verzeichnet, zuerst chronologisch, jeweils mit Angabe der Briefpartner, der Sprache und des Quellennachweises, dann alphabetisch geordnet nach Briefpartnern (die Liste reicht von Bernardino Baldi bis Bartolomeo Zucchi).Zusammenstellung und kommentierende Aufschlüsselung von Welsers Briefcorpus sind aber nur das Fundament für den eigentlich innovativen Teil der Arbeit. Was Ferber in einer differenzierten Analyse und Kontextualisierung der Briefe aus dem Epistolarium Welsers herausholt ("Anwendungsbereiche des humanistischen Briefes", S. 141-246), ist schon erstaunlich. Indem er sich weniger auf den Inhalt der Briefe einlässt, vielmehr sich auf deren Funktion als Medien gelehrter Kommunikation und Interaktion konzentriert, arbeitet Ferber beispielhaft Regeln und Grenzen der europäischen Gelehrtenrepublik um 1600 heraus. Die vielen präzisen Einzelbeobachtungen ergeben gleichsam ein kleines Handbuch darüber, wie die europäische Gelehrtenrepublik damals funktionierte, welche Spiel- und Sprachregeln der Kommunikation zugrunde lagen, wie gewährleistet war, dass Informationen schnell zirkulierten, Handschriften ausgetauscht, gemeinsame Editionsprojekte nationen- und konfessionsübergreifend geplant, durchgeführt und kommentiert werden konnten. Insgesamt aber ist dem Verfasser ein aufregendes Buch gelungen, das nicht nur ein genaueres Verständnis von Marx Welser, sondern auch der gelehrten Kommunikation und Kultur um 1600 und darüber hinaus ermöglicht.
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