Geistliche, die sich unter den Augen ihrer Pfarrkinder oder in klösterlicher Abgeschiedenheit über die Gebote der Kirche hinwegsetzten, gehören zu den beliebtesten Schwankfiguren des Spätmittelalters. Auch in den mittelhochdeutschen Mären begegnet der Leser den 'Wölfen in der Kutte', die sich durch Habgier, Korruption, Hochmut und v.a. durch sexuelle Zügellosigkeit auszeichnen. Der Vergleich mit seinen Amtskollegen in den altfranzösischen 'Fabliaux', dem 'Decameron' und den 'Canterbury Tales' offenbart die charakteristischen Merkmale des Pfaffen in der deutschen Märendichtung. Die Kategorisierung des Märenklerus nach Welt- und Klostergeistlichkeit, hierarchischer Stellung und Ordenszugehörigkeit ermöglicht eine differenzierte Beschreibung der Pfaffenfigur, die manches Pauschalurteil der älteren Forschung revidiert.
Birgit Beine
Kirchenkritik Mittelalter Kirche Literatur
Eine sorgfältige Analyse der Erscheinung, Funktion und Charakterisierung von Klerikern in Mären des deutschen Mittelalters. Beine hat umfassend recherchiert und das Material erschöpfend erfaßt. Dabei konnte sie manche bisherigen Fehlurteile korrigieren und viele literarische Varianten der Thematik präzise ausleuchten.
Albrecht Classen, in: Germanistik 41, 2000
Birgit Beines Dissertation erfüllt ein Desiderat: Eine ausführliche Untersuchung der Darstellung und Funktion der Klerikerfigur in der deutschen Literatur des Mittelalters liegt bisher nicht vor. Beine stellt deswegen das Klerikerprofil in seiner Gestaltung durch die Märendichtung jener Zeit vor. In ihr spielt das Stereotyp der Pfaffenfigur eine dominante Rolle. Die Kapitel bestechen durch Materialreichtum und durch Witz, enorme Belesenheit und originelle Kommentierung in verständlicher, Paraphrasen vermeidender Sprache.
Sabine Wienker-Piepho, in: Bayrisches Jahrbuch für Volkskunde, 2001
()