Vor langer Zeit saß ich eines Abends, es war kurz vor Weihnachten, in meinem Studierzimmer, als die Haustürglocke läutete. Vor der Türe stand ein altes häßliches Weib, eine Bettlerin, wie ich dachte. Doch Hedera, so war ihr Name, erklärte mir recht bestimmt, daß ich sie in eine feine Dame verwandeln müßte, indem ich ihr acht Gedichte auf ihre Schönheit vortrug, jeden Abend eines. Der Haken daran wurde auch bald klar.
Doch bevor ich’s sagen konnte, fing sie wieder an zu sprechen:
'Ganz entscheidend ist dein Wille, denn was du willst, wird dir zerbrechen,
Und was du niemals haben wolltest, wird auf ewig dich begleiten.
So laß nun deinen Willen fahren, was mich betrifft, würd’ er fehlleiten:
Denn willst du mich, so geh ich fort, und willst mich nicht, so bleib ich da,
Doch dann als altes Hexenwesen, und nicht als schöne Hedera.'
So verwandelte ich sie dann an acht Abenden in das schönste Weib, das ich je gesehen habe, und am neunten Abend, dem Heiligen Abend, den ich mit meiner Braut Helena verbringen wollte, mußte ich das neunte Gedicht, meine Entscheidung vortragen. Helena und Hedera standen einträchtig vor der Türe …
Ralf Tiemann
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