Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich aus einer linguistischen Perspektive mit der kognitiven Normvariante der Wort-Farb-Synästhesie, bei der sprachliche Einheiten mit spezifischen Farbempfindungen assoziiert werden. Ziel der Unter-suchung ist es, die sprachstrukturellen Prinzipien zu identifizieren, nach denen sich die synästhetische Farbzusammensetzung im Wort bei Menschen mit Wort-Farb-Synästhesie vollzieht. Basierend auf linguistischen Grundannahmen zur Sprachverarbeitung, insbesondere der Rolle prosodischer Perzeptionsstruktu-ren und der silbischen Gliederung des Sprachsignals, wird untersucht, inwiefern jene als Strukturierungsprinzipien in der synästhetischen Farbgebung von Wör-tern wirken. Dabei wird das Französische als Untersuchungsgegenstand heran-gezogen, weil es einige phonetische und prosodische Besonderheiten aufweist, die für das Deutsche nicht vorzufinden sind und somit an deutschsprachigen L2-Lernenden mit Wort-Farb-Synästhesie spezifisch untersucht werden können. Methodische Grundlage der empirischen Erhebung war die Berechnung von Farbdistanzen zwischen Wörtern und Einzelsilben sowie deren Überprüfung auf signifikante Farbübereinstimmungen beziehungsweise Farbabweichungen. Da-bei konnte gezeigt werden, dass einerseits die Silbe als farbige Konstruktions-einheit in der Farbgebung des Wortes wirkt und suprasegmentale Merkmalsdi-mensionen den spezifischen Farbverlauf eines Wortes aus farbdominanten und weniger farbdominanten Segmenten in der synästhetischen Wahrnehmung struk-turieren. Insbesondere konnte gezeigt werden, dass die im Französischen beton-te Auslautsilbe bei mehrsilbigen Wörtern eine zentrale Rolle in der Farbgebung des Wortes einnimmt und im Wettbewerb zur Farbdominanz des Wortanlautes steht. Zudem weisen die Ergebnisse, im Anschluss an die sprachwissenschaftli-che Annahme des Primates der gesprochenen Sprache, daraufhin, dass das Laut-bild gegenüber dem Schriftbild vorrangig für wortinduzierte synästhetische Farbempfindung ist. Aus den gewonnenen Ergebnissen wird geschlussfolgert, dass silbenprosodische Merkmale der Sprachverarbeitung ein grundlegender Erklärungsfaktor für das weitere Verständnis von Wort-Farb-Synästhesien sind und linguistische Strukturierungsprinzipien der menschlichen Sprachverarbei-tung in weitere Forschungen vertiefter einzubeziehen sind. Ebenso zeigen die Ergebnisse, dass die in der Forschung zu beobachtende einseitige Untersuchung der Wort-Farb-Synästhesie am Schriftbild zugunsten einer differenzierten Be-trachtung von Sprache in ihren unterschiedlichen medialen Realisierungsformen überwunden und das Lautbild in weiteren Untersuchungen verstärkt berücksich-tigt werden sollte. Aus diesem Grund wird in der vorliegenden Arbeit vorge-schlagen, den in der psychologischen Forschung überwiegend als Graphem-Farb-Synästhesie bezeichneten Untersuchungsgegenstand künftig weiter zu fassen und als Wort-Farb-Synästhesie zu bezeichnen.
Lucia Kloiber
Synästhesie Wort-Farb-Synästhesie Graphem-Farb-Synästhesie Psycholinguistik Silbenprosodie Suprasegmentalia