Beim Schreiben meines Buches Einmal Messie – immer Messie?
fielen mir immer wieder Situationen, Begebenheiten und
Begriffe ein, von denen ich dachte, da musst du dich dann auch
noch drum kümmern. Um sie nicht aus den Augen zu verlieren,
notierte ich sie stichwortartig an einem Extraplatz. Nach kurzer
Zeit schon hatte ich eine derart umfangreiche Begriffesammlung,
dass mir die Idee kam, ein Handbuch für Messies zu
schreiben. Ein Buch, in dem das Chaosphänomen knapp, aber
präzise anhand von Alltagssituationen geschildert wird, in dem
aber auch typische psychologische Strukturen aufgezeigt
werden.
Als ich dann Leseproben in meinem Bekanntenkreis verteilte,
stellte ich mit Erstaunen fest, dass auch Leute, die ich nun eher
als normal, also als Nicht-Messies eingestuft hatte, mir sagten,
bei ihnen zu Hause würde es genauso zugehen, wie ich es in
meinem Buch beschreiben würde.
Der erbitterte Kampf mit dem Alltag. Was da in der Fernsehwerbung
immer so einfach und elegant aussieht, zum Beispiel
das Öffnen der diversen Verpackungen, kein Wort von der
anschließenden Notwendigkeit der Entsorgung, treibt einen im
realen Leben oft haarscharf an den Rand des Wahnsinns.
Erbost sticht man mit dem spitzen Fleischmesser auf die
Packung mit den Videokassetten ein, um sie endlich aus der
Plastikhülle zu befreien, bevor der Fernsehbeitrag, den man
aufnehmen wollte, vorbei ist.
Mir kam die Erkenntnis, dass es vielleicht viel mehr Messies
gibt, als es offensichtlich den Anschein hat. Oder: Dass viel
mehr Menschen zu messieartigem, zumindest jedoch chaotischem
Verhalten neigen als allgemein bekannt ist. Es gibt nur
niemand gerne zu. Denn Chaos, Unordnung so wie das
Unvermögen, Dinge zu regeln oder den Müll recyclingtechnisch
zu verwalten, ist denkbar out.
Die Grenzen sind fließend. Nicht jeder, der Probleme mit dem
Aufräumen oder mit dem Ausführen von Haushaltsarbeiten hat,
hat deshalb gleich eine vermüllte Wohnung oder – wie ich –
mehrere Lagerräume angemietet für die Unterbringung seiner
ganzen Frustkäufe. Nicht jeder, der begeistert Briefmarken,
Matchboxautos oder seltene Schallplatten sammelt, hat gleich
ein Problem damit.
Aber es werden immer mehr Menschen, die unserem von
Hektik, Maschinen und Automaten geprägten Leben nicht mehr
standhalten, die einfach nicht mehr mitkommen und den Faden
verlieren. Für sie habe ich dieses Buch geschrieben, mit der
Idee, dass man doch, statt sich zu schämen, zunächst einmal
einfach zum Chaos stehen könnte.
Schließlich gibt es weiß Gott Schlimmeres: Banküberfälle,
Kindesmisshandlung und –missbrauch, vor Hunger sterbende
Menschen auf der ganzen Welt, das Attentat vom 11. September,
Mord, Totschlag, Krieg.
Und wir Messies sollen uns schämen wegen der paar Sachen?
Das Messiewörterbuch ab Seite 71 enthält Erklärungen und
Begriffe, die typisch, interessant und nützlich für Messies sind
oder sein können.
Auf den ersten Blick sieht das alles recht lustig aus.
Aber in Wirklichkeit ist es höchst tragisch.
Denn viele der Ausdrücke, hin und wieder erweitert durch neue
Wortschöpfungen wie etwa Frustfress, Umweltsau, Endkruschel
oder Geruchsfahndung beschreiben schon für den „normalen“
Zeitgenossen recht brisante und zum Teil sehr unangenehme
oder lästige Situationen.
Zum Beispiel die Begriffe Rechnung, Sprachcomputer, Frustkauf,
Einkommensteuererklärung, Recycling, Weihnachten, Gebrauchsanweisung
oder Rentennachweispapiere.
Wie schlimm trifft so was erst den Messie, sowieso schon
ständig um Übersicht ringend und weitgehend hilflos gegenüber
allem, was das komplizierte und vor allem immer hektischer
werdende Leben des spätindustriellen Zeitalters so mit sich
bringt!
Tauchen dann gar Begriffe auf wie Sündenbock, Perfektionismus,
Trotzphase, Eigenblindheit, Blockaden, Symptomverschiebung,
Verzettelung oder Wohnungsflucht, dann wird plötzlich so
manches klar.
In zahllosen Erlebnissen und Gesprächen mit anderen Messies
erfuhr ich, dass die verschiedenen skurrilen Verhaltensweisen,
die ich bei mir selbst beobachtet hatte, nahezu identisch waren
mit den ihrigen.
Vor einiger Zeit ging ich zusammen mit einem anderen Messie
nach dem Selbsthilfegruppen-Meeting zur S-Bahn-Station.
Plötzlich bückte er sich, hob eine leere Bierdose auf und nahm
sie mit.
„Da ist doch noch Pfand drauf“, erklärte er mir.
Offenbar war es ihm peinlich, das in meinem Beisein machen zu
müssen. Was ihn aber nicht davon abhielt, eine weitere leere
Dose aus dem Papierkorb zu fischen, an dem wir gerade
vorbeispazierten.
Er hätte aber gar nichts erklären brauchen, denn auch ich hatte
die Angewohnheit, herumliegende Pfandflaschen oder -dosen
mit nach Hause zu nehmen mit der Absicht, sie gelegentlich
einzulösen. Wozu es aber meistens nicht kam, weil sie, kaum
daheim angekommen, umgehend im allgemeinen Chaos untertauchten.
Die über 300 Begriffe im alphabetischen Teil des Buches
werden ausführlich erklärt und die Definitionen gelegentlich
angereichert mit persönlichen Beobachtungen und Erfahrungsberichten
der Autorin.
Das Handbuch, von einer Vollblutmessie mit liebevoller
(Selbst-)Ironie geschrieben, ist absolut authentisch.
Es zeigt tiefe Einblicke in die oft von außen etwas verquer oder
umständlich anmutende, in Wirklichkeit aber meist sehr
umweltbedachte und nicht selten höchst innovative Denkweise
vieler Messies.
Es zeigt zum einen, wie die Dinge nun mal sind.
Zum anderen bietet es aber auch die eine oder andere
brauchbare Idee zur besseren Bewältigung des Alltags.
Und den Trost, dass es den anderen auch nicht besser geht.
Und das betrifft beileibe nicht nur Messies.
Eva S Roth
Chaos Desorganisation Messie Selbsthilfe Unordnung