Als eine jugoslawische Delegation im März 1946 Polen bereiste, begegneten ihr nahezu allenthalben „slawische“ Losungen. Ob in Ansprachen, in der Presse, auf der Straße: fast überall war von der besonderen Nähe der „slawischen Nationen“, ihrer Verbundenheit im Kampf gegen Deutschland und ihrer Rolle als Avantgarde von „Frieden und Demokratie“ die Rede. Dass es sich hierbei allein um eine „Schuldigkeit gegenüber Moskau“ handelte, stand für Milovan Djilas, einen der Delegierten, dabei außer Frage. Dijlas ging sogar so weit, den Polen ein ausgesprochenes Desinteresse am „Slawentum“ zu bescheinigen. Inhaltlich knüpfte der Minister damit an eine Reihe älterer Befunde an. So hatte bereits Tomáš G. Masaryk (1923) behauptet, die Polen seien „on principle, opposed to any Pan-Slavist policy“. Fehlte der prosowjetischen slawischen Propaganda im Grunde also jedweder Resonanzraum? Die vorliegende ideengeschichtliche Untersuchung hinterfragt diese Annahme. Zeitlich wendet sie sich den Jahren zwischen der Wiederherstellung der polnischen Eigenstaatlichkeit und dem Auseinanderbrechen des sozialistischen Lagers zu. Sie zeigt biographische, inhaltliche und strukturelle Kontinuitäten des slawischen Diskurses in Polen und der polnischen Diaspora auf. Ihr Augenmerk gilt dabei den Imaginationsformen einer geeinten „slawischen Welt“ und der verwendeten Terminologie. In diesem Zusammenhang veranschaulicht sie die bemerkenswerte Wandlungsfähigkeit eines zunächst rechten, antisowjetischen und polonozentrischen Konzepts, welches sich binnen weniger Jahre zu einem primär linken, kremlfreundlichen und sowjetzentrierten Hilfsideologem entwickelte.
Matthias E. Cichon
Matthias E. Cichon, geb. 1991, studierte von 2011 bis 2015 Geschichte und Regionalstudien Ostmitteleuropa an der Universität Münster. Auslandssemester führten ihn in dieser Zeit an die Universitäten Breslau und Krakau. Es folgte zwischen 2015 und 2018 das Masterstudium der Osteuropastudien (Osteuropäische Geschichte und Politikwissenschaft) an der Ludwig-Maximilians-Universität München mit einem Auslandssemester an der University of California, Berkeley. Von 2019 bis 2023 promovierte er in Osteuropäischer Geschichte an der Universität Münster. Darin wurde er u. a. durch ein Forschungsstipendium des Deutschen Historischen Instituts in Warschau unterstützt. Cichon ist ehemaliger Stipendiat der Studienstiftung des deutschen Volkes, des Max Weber-Programms des Freistaats Bayern und des „Metro-
polen in Osteuropa“-Programms der Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung. Zu seinen Interessenschwerpunkten gehören die Slawische Idee, der Panslawismus sowie die Geschichte ethnischer und religiöser Minderheiten im östlichen Europa.
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