Die Landwirtschaft in Deutschland ist seit Jahren aufgrund ökonomischer, technischer und gesellschaftlicher Entwicklungen strukturellen, markt- und umweltpolitisch induzierten Veränderungen unterworfen. Um auf diese Veränderungen zu reagieren und um den wirtschaftlichen Erfolg der Tier haltenden Betriebe zu erhalten, können die Betriebsleiter mittels Umsatzsteigerungen und/oder Kostensenkung reagieren. Auf Seite der Kosten stellen die Aufwendungen für Tierarzt und Arzneimittel in der Milchviehhaltung einen großen Anteil dar (etwa sechs Prozent der variablen Kosten). Ferner sind zu den Kosten die Erlösausfälle bei Tierkrankheiten zu berücksichtigen. Erfolgreiche Strategien zur Reduzierung der genannten Kosten und Erlösausfälle sind nur im gemeinsamen Handeln von Tierhalter und Tierarzt umsetzbar. Basis hierfür kann ein fundierter digitaler Informationsaustausch zwischen den Prozesspartnern sein, der auf die vorhandenen Daten der Prozessteilnehmer zurückgreift, diese zusammenführt und einer integrierten Analyse unterzieht. Bisherige Ansätze, die eine Verbesserung im Bereich der Tiergesundheit anstrebten, sind zumeist Partialansätze einzelner Mitglieder der Prozesskette. Partialansätze auch deshalb, weil die vorhandenen Daten nicht zusammengeführt und als Gesamtheit nutzbar gemacht wurden. Die verfügbare Software setzt die Zusammenführung von tiergesundheits- und tierleistungsrelevanten Daten bisher lediglich in Ansätzen um.
Das Ziel der vorliegenden Untersuchung fokussiert die Integration von tiergesundheitsrelevanten Daten in betriebliche Managemententscheidungen durch die Konzeption und Entwicklung eines IT-Modells, das verteilte, lückenhafte und redundante tiergesundheitsrelevante Daten der einzelnen Prozessteilnehmer (Tierhalter, Tierärzte, LKV) in der Tierproduktion verknüpft. Damit soll ein Beitrag zur verbesserten Nutzung von Tiergesundheits- und Tierleistungsdaten geleistet werden. Dabei werden Belange der Veterinärmedizin und der Milchviehhaltung unter Nutzung neuer Informations- und Kommunikationstechnologien (IT) vereint. Das Vorgehen gliedert sich in die Erarbeitung der thematischen Grundlagen, die Analyse der IST-Situation und eine Markt- und Potentialanalyse zum Einsatz und zur Verwendung branchenspezifischer Software durch Milchviehhalter und Hoftierärzte sowie die Konzeption und Entwicklung des Tiergesundheitssystems und die Umsetzungsplanung mit einer ersten Testphase.
Um die Fragestellungen der vorliegenden Arbeit zu beantworten, wurde ein Vorgehensmodell entwickelt und als Methodengerüst verwendet. Angewandt wurden qualitative und quantitative Methoden der Sozialforschung, da unterschiedliche Erklärungsstrategien zur Beantwortung der Fragestellungen nötig waren.
Die Befragungsergebnisse bei Tierhaltern und Tierärzten zeigen, dass ein hoher Ausstattungsgrad mit IT-Hardware und Internet bei den untersuchten Gruppen vorliegt. Darüber hinaus sind keine signifikanten regionalen Unterschiede zwischen Baden- Württemberg und Schleswig-Holstein bei der IT-Ausstattung sowie beim Einsatz branchenspezifischer Software der befragten Tierärzte und Tierhalter zu ermitteln. Die Ausführung der betrachteten Arbeitsgänge erfolgt überwiegend mit klassischen Medien bei beiden Nutzergruppen, z. B. Fax, Telefon. Lediglich die HI-Tier Meldung wird mehrheitlich mittels IT durch die Tierhalter getätigt. Die Tierhalter und Tierärzte nutzen im Mittel das Internet in der Woche etwa gleich lang (circa 2,5 bis 3 Stunden). Jedoch sind innerhalb beider Gruppen große Unterschiede bezüglich der wöchentlichen Internetnutzung festzustellen.
Im Hinblick auf die Nutzung eines integrierten Systems kann bei den Tierhaltern festgehalten werden, dass vier Cluster – Gesamt-Befürworter, Befürworter Datennutzung, anwendungsbezogene Befürworter/Ablehner sowie Gesamt-Ablehner – ermittelt wurden. Bei den Tierärzten können zwei Cluster – Befürworter und Unentschiedenen sowie die Ablehner – benannt werden. Diese Unterscheidung bezieht sich auf die Bewertung der geplanten Anwendungen des Tiergesundheitssystems.
Die Ergebnisse der Potential- und Marktanalyse zeigen, dass es wenige national agierende Anbieter von tierärztlichen Praxismanagementanwendungen gibt. Für Milchviehhalter ist eine Vielzahl von Herdenmanagementsoftwares unterschiedlichster Anbieter verfügbar. Hinsichtlich der Kompatibilität der Herdenmanagementsoftware mit Systemen anderer Akteure konnte gezeigt werden, dass alle Anwendungen den Datenaustausch zu übergeordneten Informationspartnern unterstützen. Ein standardisierter Datenaustausch zwischen tierärztlicher Praxismanagementsoftware und Herdenmanagementsoftware wird bisher lediglich durch zwei Anbieter ermöglicht.
Das im Rahmen dieser Arbeit entwickelte System ist web-basiert und modular aufgebaut. Für den Datenaustausch zwischen der Praxismanagementsoftware und dem Tiergesundheitssystem wird eine ADIS/ADED Schnittstelle genutzt, die erweitert wurde, um die tierärztlichen Prozesse besser einbinden zu können (z. B. Arzneimittelabgabe). Als Maßnahmen zum Datenschutz wurden bzw. werden u. a. rechtliche und organisatorische Maßnahmen, Authentisierung und Zugriffskontrolle für Benutzer ein. Die Ergebnisse der Potential- und Marktanalyse zeigen, dass es wenige national agierende Anbieter von tierärztlichen Praxismanagementanwendungen gibt. Erste Tests bestätigen, dass das Tiergesundheitssystem stabil und fehlerfrei arbeitet.
In der Pilotphase wurden anhand von Demonstrationen bei Tierärzten die Stärken, Schwächen sowie die Chancen und Risiken des Tiergesundheitssystems ermittelt. Diese wurden zu Strategien für das weitere Vorgehen zur Implementierung des Tiergesundheitssystems zusammengeführt. Ferner wurde das Geschäftsmodell Tiergesundheitssystem beschrieben. Hierzu wurden die Prozesse abgebildet und die nötigen personellen, organisatorischen und IT-Ressourcen benannt. Ferner wurden verschiedene Preismodelle für das System diskutiert. Präferiert wird ein geringes zeitabhängiges Entgelt.
Die Ergebnisdiskussion zeigte parallele aber auch divergierende Einwicklungen in der Tierhaltung auf (z. B. IT-Ausstattung, Nutzerklassifizierung, Datenaustauschformate). Als Schlussfolgerungen lassen sich mit Blick auf die Praxiseinführung und die Akzeptanzförderung fördernde und kritische Akteursgruppen identifizieren. Fördernde Akteursgruppen sind Tierhalter, Berufs- und Interessensverbände, Ausbildungseinrichtungen sowie Politik. Eine kritisch-zurückhaltende Haltung können die Akteursgruppen Tierärzte und Beratungsorganisationen einnehmen. Weiterer Forschungsbedarf besteht bezüglich der Erprobung des Tiergesundheitssystems im landwirtschaftlichen und tierärztlichen Alltag, der Erforschung der Bedienerfreundlichkeit sowie der Benutzbarkeit des Systems und der daraus resultie
Johanna Fick
Betriebsausrichtung Milchmarkt Praxismanagementsoftware Produktion Tiergesundheit Tierhaltung Verarbeitung