Während der Produktentwicklung versucht der Designer, das zu entwerfende Produkt mit den Wünschen und Anforderungen des Nutzers bzw. Käufers abzustimmen. Die Frage „Was will der Nutzer eigentlich?“ wird der Designer im Allgemeinen nicht richtig beantworten können, da sein mentales Modell vom Produkt nicht mit dem des Nutzers übereinstimmt. So halten beispielsweise Designer andere Aspekte bei Produkten für wichtig als Nutzer oder schätzen diejenigen Aspekte, die Nutzer wichtig finden, falsch ein (z.B. Hemmerling, 1998). Es besteht in vielen Fällen eine große Diskrepanz zwischen dem Kunden- bzw. Nutzerwunsch und der Produktlösung. Diese Nichtpassung kann sich auf mehrere Aspekte des Produkts beziehen, z.B. dessen Aussehen, Benutzerfreundlichkeit oder Haltbarkeit. Falls eine Nichtpassung erst erkannt wird, wenn ein Produkt bereits als Prototyp oder gar als fertiges Produkt vorliegt, sind Änderungen sehr kostspielig (vgl. Abb. 6 in Kap. 2.4.1).
Aus diesem Grund empfiehlt es sich, Kunden und Nutzer bereits vor der ersten Produktidee in den Produktentwicklungsprozess zu integrieren. Bisherige Methoden zur Kunden- und Nutzerberücksichtigung sind zur Beurteilung von Produktprototypen und fertigen Produkten konzipiert worden (vgl. Kap. 2.4.2). Die einzigen Methoden, die auf der Stufe der Ideengenerierung eingesetzt werden können, sind das partizipative Design und die nicht speziell für diese Fragestellung konzipierten Fokusgruppen. Während beim partizipativen Design eine Zusammenarbeit zwischen Designern und Nutzern stattfindet, sind Fokusgruppen reine Nutzerteams. Fokusgruppen werden punktuell eingesetzt, d.h. die Nutzer werden bei der Ideengenerierungsphase berücksichtigt und bei späteren Prototypen- und Produktevaluationen nicht mehr befragt bzw. durch andere Nutzer ersetzt. Beim partizipativen Design ist ebenfalls eine punktuelle Berücksichtigung von Nutzern bei der Produktentwicklung denkbar, häufig wird jedoch von Anwendern des partizipativen Designs dafür plädiert, die gleichen Nutzer über den gesamten Produktentwicklungsprozess einzubeziehen. Während Fokusgruppen bei der Ideengenerierung im Rahmen der Produktentwicklung vereinzelt eingesetzt werden, wird das partizipative Design nur selten durchgeführt. Gründe hierfür liegen u.a. darin, dass das Verfahren recht zeitintensiv ist und fälschlicherweise davon ausgegangen wird, dass die durch das Verfahren bereitgestellten Informationen auch über andere Methoden erhoben werden können.
Im Zusammenhang mit der Nutzerintegration in der Ideengenerierungsphase der Produktentwicklung gibt es mehrere ungeklärte Fragen, von denen sich diese Arbeit folgenden widmet:
1. Können Nutzergruppen zwecks Kostenersparnis durch Einzelpersonen ersetzt werden? Wenn nein, wie kann eine unterschiedliche Leistung theoretisch erklärt werden?
2. Wie kann die Qualität der Ergebnisse von Nutzergruppen bzw. Einzelpersonen gesichert werden, und wie können solche Ergebnisse theoretisch erklärt werden, z.B. …
a. beim schriftlichen vs. zeichnerischen Festhalten der Ergebnisse?
b. bei die Reflexion anregenden Fragen von Seiten eines Moderators?
3. Können Nutzergruppen und Einzelpersonen bei Neu- und Anpassungskonstruktionen eingesetzt werden?
4. Ist die Leistung von skizzierenden Nutzergruppen und partizipativen Designteams vergleichbar?
5. Zeigen skizzierende Nutzergruppen und partizipative Designteams einen Vorteil gegenüber der Arbeit herkömmlicher Designerteams?
Zielsetzung dieser Arbeit ist es damit, mögliche theoretische Erklärungen für den Nutzen von skizzierenden Nutzergruppen und partizipativem Design darzustellen und Anregungen zur Überprüfung der genannten Fragestellungen zu geben.
Im theoretischen Teil dieser Arbeit (Kap. 1 bis Kap. 6) wird die Grundlage für den empirischen Teil geschaffen. Der ideale Ablauf einer Produktentwicklung (Kap. 1) bildet die Grundlage zur Einordnung von skizzierenden Nutzergruppen und partizipativem Design und des dabei ablaufenden kreativen Problemlöseprozesses. In Kapitel 2.1 werden Produktgestaltungsziele klassifiziert und die für den empirischen Teil dieser Arbeit relevanten ausgewählt, die in den Kapiteln 2 (Benutzerfreundlichkeit) und 3 (Kreativität) eingehender behandelt werden. Bei der Benutzerfreundlichkeit werden Definitionen für die Benutzerfreundlichkeit vorgeschlagen (Kap. 2.2), Grundsätze der benutzerfreundlichen Produktgestaltung veranschaulicht (Kap. 2.3), Usability-Methoden in der Produktentwicklung (Kap. 2.4) für die Phasen der Ideengenerierung und -darstellung (Kap. 2.4.1) und der Prototypen- bzw. Produktevaluation (Kap. 2.4.2) erläutert und Kriterien zur Bewertung der Benutzerfreundlichkeit (Kap. 2.5) dargestellt. Bei der Kreativität wird im Anschluss an eine Definition des Begriffs (Kap. 3.1) zwischen mehreren Dimensionen der Kreativität unterschieden (Kap. 3.2), von denen neben der Kreativität des Produkts (Kap. 3.2.3) auch der kreative Prozess (Kap. 3.2.2) und die Kreativität als Persönlichkeitseigenschaft (Kap. 3.2.1) beschrieben werden.
Als theoretische Erklärungen für die Wirkung skizzierender Nutzergruppen und partizipativer Designteams werden die Themen „Externalisierung“ (Kap. 4) und „Gruppenarbeit“ (Kap. 5) dargestellt. Bei der Externalisierung wird nach einer Definition (Kap. 4.1) auf die für skizzierende Nutzergruppen und das partizipative Design relevanten Externalisierungsarten „Skizzen“ (Kap. 4.2) und „Verbalisierung“ (Kap. 4.3) eingegangen. Für die Themen „Skizzen“ und „Verbalisierung“ werden jeweils Definitionen, ihre Funktionen und Studien zu ihrer Wirkung aufgeführt. Im Kapitel über Gruppen wird eine Definition des Begriffs „Gruppe“ gegeben (Kap. 5.1). Anhand theoretischer Annahmen wird dargestellt (Kap. 5.2) und anhand empirischer Daten überprüft (Kap. 5.3), ob bei Gruppen oder Einzelpersonen mit besseren Leistungen zu rechnen ist. Der Schwerpunkt wird dabei auf die in der Ideengenerierungsphase der Produktentwicklung vorliegende Aufgabe vom Typ Brainstorming gelegt. Die Diversität von Gruppen (Kap. 5.4), wie sie bei Gruppen gemischten fachlichen Hintergrunds und damit beim partizipativen Design (Nutzer, Designer) vorliegt, wird dargestellt, da sie einen Einfluss auf die Leistung haben kann. In Kapitel 6 werden die theoretischen Annahmen zur Externalisierung und Gruppenthematik in einem Modell zusammengefasst, das die Grundlage des empirischen Teils dieser Arbeit bildet.
Der empirische Teil (Kap. 7 bis Kap. 12) beginnt mit einem Überblick über die durchgeführten Studien und die mit ihnen verbundenen Fragestellungen (Kap. 7). In den Kapiteln 8 bis 11 sind die vier durchgeführten Studien aufgeführt. Kapitel 12 schließt mit einer Gesamtdiskussion und einem Ausblick.
Sonja Kleinheinz