In der internationalen wie in der deutschen Forschungsliteratur wird ein Defizit bei der Übertragung wissenschaftlicher Evidenz in die Praxis der Patientenversorgung berichtet. In der Literatur wird auch betont, dass bei der stationären psychosozialen Versorgung an Krebs erkrankter Patienten die verfügbaren wissenschaftlichen Erkenntnisse ungenügend umgesetzt werden. Zudem wird bei der Implementierung von Versorgungsinnovationen in Deutschland der Faktor Organisation – also die Fähigkeit von Versorgungsorganisationen, Innovationen in die Praxis zu integrieren – chronisch unterschätzt.
Ziel des Projekts „Case Management Psychoonkologie. 2004-2006“ war die Implementierung psychoonkologischer Leistungen in sechs Akutkrankenhäusern nach einem strukturierten und an bestehenden Leitlinien orientierten Versorgungsprogramm. Die vorliegende Arbeit ist aus der wissenschaftlichen Begleitforschung dieses Projekts entstanden.
Im Rahmen der organisationalen Versorgungs- und Implementationsforschung werden Erfolgsfaktoren der Implementierung von Versorgungsinnovationen in Krankenhäusern untersucht. Die zentrale Frage lautet: Welche Faktoren beeinflussen die Implementierung des Versorgungsprogramms „Case Management Psychoonkologie“ (CMP) in den sechs beteiligten Akutkrankenhäusern?
Für die multizentrische Implementierungsstudie wird auf Grundlage der in der Forschungsliteratur beschriebenen Determinanten der Implementierung von Innovationen im Gesundheitswesen ein allgemeiner konzeptioneller Bezugsrahmen entwickelt, für die strukturierte Datenerhebung an die Bedingungen im CMP-Projekt angepasst und konkrete Analysekategorien als Untersuchungskonstrukte abgeleitet.
Mit der Auswertung der Versorgungszahlen von 4.947 Patienten sowie der detaillierten Analyse der Daten zu Alter, Geschlecht, Krebserkrankung, psychosozialen Belastungen sowie Interventionsinhalten von 2.448 Patienten werden die in den Jahren 2005 und 2006 in 14 medizinischen Abteilungen erbrachten psychoonkologischen Leistungen umfassend beschrieben. Der Versorgungskontext sowie förderliche und hinderliche Faktoren zur Implementierung und täglichen Umsetzung der psychoonkologischen Versorgung nach dem CMP-Versorgungsprogramm werden auf Grundlage von 74 Interviews mit allen Akteuren und 797 Fragebögen vor allem von Pflegenden, Ärzten und Psychologen detailliert dargestellt.
Die Studie ist zudem in systemtheoretische Betrachtungen des Integrations- und Implementationsproblems komplexer Sozialsysteme und die Erörterung charakteristischer Merkmale und Probleme der Organisationsform Krankenhaus eingebettet.
Als Zusammenfassung der zentralen Ergebnisse werden Empfehlungen für die Verbesserung der psychoonkologischen Versorgung in Deutschland und die Implementierung von Versorgungsinnovationen in Organisationen des Gesundheitswesens für die analysierten Einflussbereiche ausgesprochen.
Sylvia Jung
Implementationsforschung Kontextfaktoren Krankenhausforschung Managementforschung Versorgungsforschung psychologische Versorgung im Krankenhaus psychosoziale Versorgung