Erzählt wird von den Erfahrungen einer Umsiedlung im sogenannten fortgeschrittenen Lebensalter. Der Autor verlässt nach fast dreißig Jahren „seine“ spanische Mittelmeerinsel, nachdem er nach fünfjähriger Suche einen Ort auf dem spanischen Festland gefunden hat, wo es auf dem Land noch möglich ist, den eigenen Hausentwurf ohne Architekten zu verwirklichen. Trotz langjähriger Spanienerfahrung und gediegener Sprachkenntnisse kommt er sich in „Granadas Westen“ bald so vor, als würde er nach einer langen Reise auf einen unbekannten Stamm treffen und mit diesem nach seinen eigenwilligen Sitten und Regeln leben. Als erster ausländischer „Neusiedler“ im 1000-Seelendorf lernt er die fast verschlingende Gastfreundschaft Pepe Cariños (Joseph-Herzchen) kennen, aber auch die immer auf den eigenen Vorteil bedachte Chuzpe „des“ Provinzandalusiers und seine Unbekümmertheit hinsichtlich professioneller Pflichterfüllung. Auch die Uhren ticken hier anders: „mañana“ heisst nicht morgen, sondern „HEUTE nicht“.
Der Autor ist weit davon entfernt, dem Leser schon wieder das Bild eines südeuropäischen Paradieses zu malen: auch Andalusiens Provinz scheint mehr und mehr in jenem Europa anzukommen, das zu Selbstzerstörung und Wachstumsfanatismus neigt. Dem Leser wird ein Andalusien nahe gebracht, wie es nicht in den Reiseführern steht. Dem sprachinteressierten Leser bietet der Autor eine Einführung in andalusisches Spanisch. Seine Begeg-nungen mit den Menschen sind voller skurriler Situationskomik und führen zu übergreifenden Fragen darüber, was hier in der vom Tourismus noch verschonten andalusischen Provinz „eigentlich“ passiert.
Erfreuliches und Bedrohliches halten sich in instabilem Gleich-gewicht. Das Buch bietet Kennern und Neulingen der modernen andalusischen Welt gleichermaßen ein reizvolles als auch schür-fendes Schmunzelleseerlebnis.
Nemo Niemann