Schauplatz ist das spätviktorianische England um 1900. Das britische Empire sieht sich als Garant für Zivilisation und Stabilität und legt daher großen Wert auf Selbstkontrolle und Disziplin. Doch die diskursive Überblendung von Selbstbeherrschung und der durch sie legitimierten Herrschaft über Kolonien ist verbunden mit großen Ängsten vor einem Verlust der Kontrolle und einer Umkehr der kolonialen Machtverhältnisse. Im spiritistischen Medium läuft zusammen, was die Jahrhundertwende an kulturellem Beunruhigungspotential für das britische männlich-autonome imperiale Subjekt bereithält. Hier scheint ein anderes Subjekt durch, dessen Grenzen nicht eindeutig zu ziehen und festzustellen sind. Wer spricht aus dem Körper des Mediums? Sind es verschiedene Aspekte derselben Persönlichkeit? Sind es die Geister von Verstorbenen?
Die phantastische Literatur um 1900 nimmt sich dieser Fragen an und wird in der vorliegenden Arbeit als Vorläufer der modernen Literatur in den Blick genommen. Indem die analysierten Texte in ihrem historischen und kulturellen Kontext positioniert werden, wird ihr spezifisch literarischer Beitrag zur Reformulierung des modernen Subjektverständnisses sichtbar. Sie lassen sich somit als Ausdruck einer Moderne lesen, die sich nicht auf Freuds Theorien bezieht, sondern sich vielmehr auf mediale und mediumistische Subjektmodelle aus dem Umfeld der Psychical Research beruft.
Felix Holtschoppen
Algernon Blackwoods »A Psychical Invasion« (1908) Dämonisierung weiblicher Autonomie Florence Marryats The Strange Transfiguration of Hannah Stubbs (1896) Phantastische Literatur in spätviktorianischen England um 1900 Robert Hugh Bensons The Necromancers (1909) Spiritismus Transfiguration Transgression Walter de la Mares The Return (1910)