Die vorliegende Arbeit rekonstruiert die Geschichte der Wissenschaftlichen Gesellschaft für Veterinärmedizin (WGV) anhand ihrer Archivalien, die in der Fachbibliothek des Fachbereiches Veterinärmedizin der Freien Universität Berlin aufbewahrt werden. Die Aufarbeitung der Dokumente konnte erstmals von unabhängiger Seite erfolgen. Letzter Archivar, Liquidator und Sekretar für Öffentlichkeitsarbeit und Weiterbildung der Gesellschaft war Oberveterinärrat Dr. Rudolf WERNICKE, der in mehreren Interviews als Zeitzeuge fungierte.
Hinsichtlich des bisherigen Forschungsstands ist eine Veröffentlichung von WERNICKE maßgeblich. Sie vermag den Zeitraum der Entwicklung der WGV von der Gründung im Jahr 1954 bis zu deren Auflösung im Jahr 1990 jedoch nicht in ausreichendem wissenschaftlichem Umfang darzustellen. Dies gilt auch für die weitere Sekundärliteratur zur WGV, z. B. aus den Monatsheften für Veterinärmedizin. Darin wurde in mehreren Artikeln über einzelne Abschnitte der Entwicklung der WGV berichtet. Alle wiesen die damals üblichen ideologischen Formulierungen auf und sind damit zumindest in weiten Teilen als politisch abhängig zu beurteilen.
Die Dokumente, die dem Autor zur Verfügung standen, sind gekennzeichnet durch eine hohe Authentizität und ermöglichten detaillierte Einblicke in das interne gesellschaftliche Wirken. Damit war es möglich, ein chronologisches sowie inhaltliches Gesamtbild zu erstellen. Die Ergebnisse der Recherche werden in Kapiteln dargestellt, die in sich chronologisch gegliedert sind. Ebenso sind die Kapitel in ihrer Reihenfolge thematisch fortlaufend auf der Zeitachse angeordnet.
Mit der Gründung der beiden deutschen Staaten waren die Bemühungen zur Bildung einer gesamtdeutschen veterinärmedizinischen Gesellschaft zum Scheitern verurteilt (Kap. 2.1.4). Einige Jahre später wurden in der Bundesrepublik Deutschland (BRD) sowie in der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) veterinärmedizinische Gesellschaften gegründet. Die Initiative zur Gründung der Wissenschaftlichen Gesellschaft für Veterinärmedizin (in) der DDR (WGV) ging im Wesentlichen von Tierärzten der Deutschen Akademie der Landwirtschaftswissenschaften zu Berlin (DAL) - allen voran Prof. Johannes DOBBERSTEIN – aus (Kap. 3.1.1). Unter anderem anhand der Statuten der WGV zeigte sich im Laufe der Jahre die zunehmende Indoktrinierung durch die Regierung, die durch politisch-ideologische Formulierungen, Aufgaben und Zielstellungen fixiert wurde (Kap. 3.2). Die WGV war in Ihrem Aufbau durch die Bezirkssektionen gekennzeichnet, die mit ihren Mitgliedern die Basis der Gesellschaft repräsentierten (Kap. 3.3.2). Zusätzlich zum Präsidium gab es verschiedene Fachgremien, die anfänglich unabhängig waren, später aber weitreichend in ihrer personellen Zusammensetzung und Aufgabenstellung durch das Präsidium angeleitet wurden (Kap. 3.3.3, Kap. 3.3.4, Kap. 3.21). Ein weiteres Medium, das in zunehmenden Maße der Vermittlung von politisch-ideologischen Inhalten diente, waren die Monatshefte für Veterinärmedizin, deren Herausgabe die WGV im Jahr 1962 übernahm. Daneben existierten ab 1964 die Informationen für Tierärzte (später Veterinärmedizinische Informationen), die anfänglich in Zusammenarbeit mit der Deutschen Akademie der Landwirtschaftswissenschaften (DAL) herausgegeben wurden. Sie dienten vor allem der Darstellung des Wirkens der WGV und deren Fachgremien. 1971 wurde die Herausgabe eingestellt und die inhaltlichen Aufgaben durch die Monatshefte übernommen (Kap. 3.8).
Hauptaufgabe der Gesellschaft war die 1963 durch einen Ministerratsbeschluss vollständig in die Verantwortlichkeit der WGV übergegangene Fort- und Weiterbildung der Tierärzte der DDR. Diese und die später hinzugekommene Spezialisierung resp. die Fachtierarztausbildung waren ebenfalls zunehmend von politisch-ideologischen Inhalten geprägt. Die Fort- und Weiterbildung stellte somit neben der eigentlichen Wissensvermittlung auch einen zentralen Faktor bei der Indoktrinierung der Mitglieder dar (Kap. 3.9, Kap. 3.17 – 3.19). Der wissenschaftliche Austausch mit veterinärmedizinischen Gesellschaften im westlichen Ausland und die Einladung westlicher Referenten wurde mit dem Mauerbau und der damit einhergehenden Abschottung der DDR erschwert. Die übergeordneten Behörden formulierten offen, dass Einladungen von Referenten aus der BRD nicht erwünscht seien. Erst gegen Ende der 80er Jahre wurden die Ein- und Ausreisebestimmungen für die Teilnahme an Kongressen und Tagungen gelockert und Mitgliedschaften der WGV in internationalen Gesellschaften zugelassen (Kap. 3.10, Kap. 3.16). Die WGV war spätestens mit der Übernahme der Fort- und Weiterbildung jährlich von staatlichen finanziellen Zuwendungen abhängig. Nur langsam wurden mit Tagungen und Veranstaltungen die eigenen Einnahmen erhöht und durch eine ökonomische Finanzplanung die staatlichen Zuschüsse minimiert (Kap 3.13, Kap. 3.23). Trotzdem war die WGV nach der Wiedervereinigung Deutschlands und der Währungsunion nicht in der Lage, die Herausgabe der bis dato kostenlosen Monatshefte für Veterinärmedizin aufrecht zu erhalten (Kap. 3.36).
Ein erstes offizielles Treffen zwischen Vertretern der WGV und DVG fand 1988 statt. Die Gespräche mündeten in einer Vereinbarung, die die Zusammenarbeit beider Gesellschaften regelte. Darin wurden unter anderem der Austausch von Fachliteratur und die gegenseitige Teilnahme an Fachtagungen festgehalten (Kap. 3.32). Mit den gesellschaftlichen und politischen Veränderungen in der DDR, die im Fall der Berliner Mauer und der Wiedervereinigung Deutschlands mündeten, versuchte sich die WGV neu zu (er)finden und den ideologischen Schleier der Vergangenheit abzulegen. Eine Existenz zweier deutscher veterinärmedizinischen Gesellschaften im geeinten Deutschland musste relativ schnell ausgeschlossen werden und auch die angestrebte Fusion mit der DVG wurde nicht umgesetzt. Die WGV wurde zum 31.12.1990 aufgelöst.
Die Kapitel 4.1 bis 4.7 greifen die Diskussionsansätze der einzelnen Kapitel auf und beantworten so die Fragestellungen der vorliegenden Arbeit in einem Gesamtkontext.
Durch die Herausarbeitung der unterschiedlichen Grade der Indoktrinierung der WGV durch Staat und Behörden im Verlauf der Jahre sowie vorhandener personeller und finanzieller Abhängigkeiten, wird in der vorliegenden Arbeit ein Abbild der “politischen“ WGV gezeichnet, das auf internen Dokumenten beruht. Diese Darstellung bildet die Diskussionsgrundlage für andere Perspektiven, die sich aus der Recherche in anderen Archiven ergeben können.
Patrick Kluge,
DDR German Democratic Republic WGV archives (MeSH) clubs documentation literature reviews political attitudes socialism veterinary history