Warum entschied sich die DDR 1969 für das französisch-sowjetische SECAM-System, obwohl ostdeutsche Fernsehtechniker gute Gründe hatten, das westdeutsche PAL zu bevorzugen?
Die Farbfernsehfrage in der DDR war weit mehr als ein technisches Normierungsproblem. Nach dem französisch-sowjetischen Rahmenabkommen von 1965 wurde sie zu einem hochpolitischen Thema: Die DDR-Führung wollte mit SECAM Bündnistreue gegenüber der UdSSR demonstrieren, zugleich aber die Verhandlungen mit Frankreich nutzen, um internationale Anerkennung und außenpolitische Aufwertung zu gewinnen. Zwischen sowjetischer Blockdisziplin, französischer Nichtanerkennung, deutsch-deutscher Systemkonkurrenz und technischen Sachargumenten wurde Farbfernsehen zu einem Medium der Politik.
Die Studie rekonstruiert die Entscheidungswege zwischen Ministerrat, Politbüro, Postministerium, Deutschem Fernsehfunk und dem Rundfunk- und Fernsehtechnischen Zentralamt in Adlershof. Sie beleuchtet die Rolle zentraler Akteure wie Walter Ulbricht, Heinz Adameck und Gerhard Probst, verfolgt die schwierigen Verhandlungen mit den französischen Unternehmen CFT und CSF und zeigt, wie der Start des zweiten DDR-Fernsehprogramms am 3. Oktober 1969 ideologisch inszeniert wurde.
Zugleich würdigt das Buch die technischen Leistungen ostdeutscher Ingenieure und Betriebe, insbesondere bei der Entwicklung des ersten DDR-Farbfernsehers RFT Color 20 in Staßfurt. So wird die PAL-SECAM-Kontroverse zu einem Brennglas der DDR-Geschichte: sichtbar werden die Grenzen staatlicher Souveränität, die Ambivalenzen sozialistischer Technologiepolitik und die enge Verflechtung von Technik, Ideologie, Wirtschaft und internationaler Politik im Kalten Krieg.
https://doi.org/10.47261/1505
Gerald Glaubitz
PAL SECAM Farbfernsehen DDR UdSSR Bundesrepublik Frankreich Farbfernsehkontroverse Fernsehnorm Technikgeschichte Mediengeschichte Außenpolitik Anerkennungspolitik Deutschlandpolitik Systemkonkurrenz