Dacia Maraini träumt von Pasolini, noch immer, fast fünfzig Jahre nach seinem Tod. Doch der Freund bleibt meistens stumm in ihren Träumen. Darum schreibt sie ihm und fragt: »Caro Pier Paolo, erinnerst du dich?« Einfühlsam, aber nie sentimental erzählt Maraini von der Unruhe, die Pasolini beherrscht hat, von seiner Zerbrechlichkeit als Privatperson und seinem Furor als Künstler. Aus zeitlicher Distanz liest sie noch einmal seine Gedichte, begibt sich auf eine Gedankenreise, die manchmal ins Ungewisse führt. Daneben stehen Anekdoten aus dem Kreis der gemeinsamen Freunde (allen voran Alberto Moravia, Elsa Morante und Maria Callas), Erinnerungen an heftige politische Debatten (besonders zur Studenten- und zur Frauenbewegung) sowie farbige Erzählungen von zahlreichen, teils abenteuerlichen Afrikareisen. Unauslöschlich sind für Maraini aber auch die Erin- nerungen an den gewaltsamen Tod Pasolinis und an einen Gefängnisbesuch beim angeblichen Mörder ihres Freunds.
Caro Pier Paolo, von Maja Pflug sorgsam ins Deutsche übertragen, ist das stille, faszinierende Porträt zweier großer Persönlich- keiten der italienischen Kulturgeschichte des 20. Jahrhunderts – und ein Hohelied auf die Freundschaft.
»Die Erinnerungen springen wie Heuschrecken«
Caro Pier Paolo,
heute Nacht habe ich von dir geträumt. Mit dem gewohnten, sanften Lächeln hast du zu mir gesagt: »Hier bin ich!« Dann hast du eine Art malvenfarbene Weste ausgezogen und hinzugefügt: »Es ist heiß.«
Als ich dich umarmen wollte, glücklich, dich wiederzusehen, bist du verschwunden. Am Boden lag noch deine lila Weste. Ich beugte mich vor, um sie aufzuheben, aber auch sie verschwand. An ihrer Stelle sah ich einen erschrockenen Gecko, der auf die Wand zulief.
Es ist so seltsam, dass ich nach all den Jahren im Schlaf noch die Möglichkeit finde, mich an dich zu erinnern und dich zu sehen. Du bist noch immer der junge Fünfzigjährige, mit dem ich in den sechziger und siebziger Jahren befreundet war: der gewandte, sportliche Körper, das ernste Gesicht, nicht mürrisch, sondern nachdenklich, der Blick verträumt, der Schritt entschieden und immer bereit, loszulaufen.
Auch heute Nacht standst du sprungbereit da und hattest einen sanften, fragenden Blick. Den Blick, der mir vertraut war und den ich liebte. Sonderbar, wie sich Freundschaften manchmal durch Blicke ausdrücken.
- Zum 100. Geburtstag von Pier Paolo Pasolini
- Eines der persönlichsten Bücher der Grande Dame der italienischen Literatur
- In Italien von der Presse gefeiert und für viele Wochen auf der Bestsellerliste
Dacia Maraini
Feminismus Pasolini Regisseur Italienischer Feminismus Träume Antifeminismus Maraini Pasolini Pasolini Freundschaft Italienische Ikone Mord Pasolini Freunschaft Pier Paolo Pasolini Filmgeschichte Erinnerung Mord