…Als wir die Brücke über den Donaukanal betraten, gewahrte ich, wie unter den Jochen hervor ein dunkler Gegenstand auf den Fluten trieb, in welchem ich die Umrisse einer weiblichen Gestalt zu erkennen glaubte. Gleichzeitig mit mir mussten ihn andere bemerkt haben; es entstand ein Zusammenlauf am Geländer; Rufe nach Rettung wurden laut, und wirklich stieß in einiger Entfernung ein Kahn ab, dessen Bemannung die Verunglückte mittels langer Enterhaken ans Ufer zog und am Fuße eines Gaskandelabers niederlegte. Dorthin strömte jetzt eine zahlreiche Menschenmenge; ich und mein Begleiter wurden unwillkürlich mit fortgerissen. Kaum aber hatte Walberg einen Blick in das bleiche Antlitz des Weibes getan, als er mich mit einem unterdrückten Aufschrei beim Arm ergriff und fortziehen wollte. Er fasste sich aber gleich wieder, trat auf die Sicherheitswache zu, die sich eingefunden hatte, und wechselte mit dem Manne einige Worte. Mittlerweile hatte man Vorkehrungen getroffen, die, wie es schien, bereits Entseelte in die nächste Rettungsanstalt zu bringen. Wir schlossen uns dem traurigen Zuge an und traten, indes die Menge draußen zurückgehalten wurde, bei dem Wundarzte ein. Während dieser mit seinem Gehilfen im Nebenzimmer Belebungsversuche anstellte, sank Walberg erschöpft in einen Stuhl und schrieb einige Worte auf ein Blatt Papier, welches er aus seinem Notizbuche losgetrennt hatte…
Ferdinand Saar
Ferdinand (Ludwig Adam) von Saar: Am 30. September 1833 in Wien geboren, entstammte Saar einer geadelten Beamtenfamilie. Nach dem frühen Tod des Vaters kehrte die Mutter wieder in ihr Elternhaus zurück. Dem Besuch der Volksschule des Waisenhauses folgte ab 1843 der Aufenthalt im Gymnasium. Sein Vormund bestimmte 1849 für ihn eine Laufbahn im Heer, doch verließ Saar 1860 das Militär um als freier Dichter zu leben. In den folgenden Jahren brachten ihn seine Schulden aus der Militärzeit wiederholt in Haft, erst die großzügige Geldzuwendung einer Gönnerin befreite ihn 1871 aus der finanziellen Not. Die kurze Ehe mit Melanie Lederer endete mit dem Freitod seiner Frau 1884, in der Folge wurden seine melancholischen Phasen häufiger. Saar wurde 1890 der Franz-Joseph-Orden verliehen, an dem Festblatt zu seinem 60. Geburtstag arbeiteten u.a. Bahr, Hofmannsthal und Schnitzler mit. Seine letzten Jahre und Werke waren von seinen chronischen Leiden und den Zeichen des nahen Todes geprägt. Ohne Aussicht auf Heilung seiner Krebserkrankung schied Saar 1906 freiwillig aus dem Leben.
Saar vollendete »Die Geigerin« 1874, 1875 wurde die Novelle erstmals gedruckt. Seine Novellen zeichnen sich durch eine präzise Darstellung von Geschehnissen fast aller gesellschaftlichen Schichten der Donaumonarchie aus. Saar gilt nicht zuletzt als einer der großen »poetischen Realisten«.
Werke u.a.:
1866 Innocens (Novelle)
1867 Kaiser Heinrich IV. (Tragödie)
1873 Marianne (Novelle)
1877 Novellen aus Österreich
1886 Tassilo (Drama)
1889 Schicksale (Novellen)
1893 Wiener Elegien (Lyrik)
1906 Tragik des Lebens (Novellen)
Frau Verzweiflung Suizid Belletristische Darstellung