In Ajazajs Roman Der Koffer berichtet ein Ich-Erzähler abwechselnd über sein gegenwärtiges Leben als Emigrant in Deutschland und über die Vergangenheit von sich und seiner Familie, die ebenfalls aus Kosovo nach Deutschland geflüchtet ist. Die Geschichte beginnt, als der Erzähler seinen Sohn Vokabeln abhört und die gehörten und ausgesprochenen Wörter bei ihm verschiedene Assoziationen an seine Heimat und dort Erlebtes auslösen. Dieser evasive, fast traumartige Stil, schön kontrastiert mit prosaischem, alptraumhaften Inhalt, wird sich durch den ganzen Text ziehen, wobei dies ein Vorteil ist, dem Erzähler gelingt es, mühelos zwischen den verschiedenen Zeiten, Zuständen und Ländern hin- und herzuwechseln. Seine Erinnerungen schweifen immer wieder zu seiner verstorbenen Großmutter, die noch mit Pflanzen und Tieren sprechen konnte, zu seinem Vater, der in den 1970ern als Gastarbeiter nach Deutschland kam, er macht sich Gedanken über die Natur, über Dichter und deren Verhältnis zur Diktatur, über die großen Fluchtbewegungen kurz nach dem Ende des Kommunismus per Schiff in den Westen, über Cervantes, der sich als Gefangener in einer albanischen Stadt aufhielt und schließlich zu dem Koffer, der dem Vater auf seiner Reise abhanden kommt und auf seiner Irrfahrt durch halb Europa fast schon ein Eigen(er-)leben entwickelt. In der Gegenwart bemüht sich der Protagonist auf dem Ordnungsamt immer wieder um eine Aufenthaltsgenehmigung, hängt in Cafés und bei Spaziergängen und bei Bücherfesten seinen Gedanken nach, will mit seinem Sohn eine Bootsfahrt machen und geht mit ihm ins Freibad.
Der Roman verzichtet weitgehend auf Dialoge, die dann recht knapp und aussagekräftig gestaltet sind und auch die äußeren Handlungen in der Gegenwart sind meistens nur Sprungbrett für Reflexionen, die eindeutig die Stärke des Romans ausmachen.
Im Stile García Márquez’ vermischen sich im Text verschiedene Zeiten, Wahrnehmungsweisen und Geschichten zu einem großen Gewebe, das dann aber doch sehr flüssig zu lesen ist und sehr ernste Themen anspricht und gerade den Schrecken des Krieges lediglich nur durch Andeutungen umso prägnanter vor Augen führt. In einer schnörkellosen Sprache, wird einem die schwierige Lage eines Kriegsflüchtlings, ohne dass explizit darauf hingewiesen werden würde, bewusst: man lebt in einem fremden Land, dass einen jeden Moment wieder ausweisen kann und hat mit einer eigentlich unaushaltbaren Vergangenheit abzuschließen.
Riat Ajazaj