Der Milkrun als Konzept der innerbetrieblichen Produktionslogistik wurde in der Literatur bisher vor allem auf konzeptioneller Ebene behandelt. Um den Nutzen dieses Konzepts in der industriellen Praxis zu erhöhen, werden zunächst die Gestaltungsmöglichkeiten für solche Milkruns aufgezeigt. Mit Hilfe von drei industriellen Fallbeispielen wird die Praxisrelevanz der aufgezeigten Lösungsalternativen überprüft. Die aus diesen Gestaltungsmöglichkeiten abgeleiteten Einflussgrößen auf die Gestaltungsentscheidungen im Rahmen einer Planung dienen als Basis für die abschließend entwickelte Planungssystematik. Auf Basis der Anforderungen an die Materialbereitstellung an der Senke werden Milkrunzyklen geplant, wobei insbesondere die Auslastung des Milkrunmitarbeiters im Vordergrund steht. Die Planungssystematik wird abschließend in der Modellumgebung der Prozesslernfabrik CiP erprobt.
Produzierende Unternehmen sehen sich heute den Trends zur Globalisierung, der Zunahme der Variantenvielfalt von Produkten und Prozessen sowie der gleichzeitigen Verkürzung der Produktlebenszyklen gegenüber. Sie führen daher Methoden der Lean Production ein, um die Effizienz und Flexibilität der Produktionsprozesse zu steigern und ihre Wettbewerbsfähigkeit zu erhöhen. In diesem Zusammenhang wird die Produktion nach dem Fließprinzip organisiert und der Einsatz eines Milkrun in der Produktionslogistik gefordert. Durch den Milkrun soll die Materialversorgung in kurzen Zyklen erfolgen und Bestände reduziert werden. Die Bündelung von Transporten soll diesem Konzept dabei einen Effizienzvorteil gegenüber anderen Konzepten wie dem Direktverkehr verschaffen.
In der Literatur wurde der Milkrun bisher nur auf konzeptioneller Ebene untersucht, was insbesondere seine Anwendung in der Praxis erschwert. Die vorliegende Arbeit verfolgt daher das Ziel, praxisrelevante Gestaltungsalternativen für Milkrunzyklen zu identifizieren und in eine Typologie zu überführen sowie eine Planungssystematik für Milkrunzyklen zu entwickeln.
Im Rahmen der Ermittlung von Gestaltungsalternativen wird der Milkrunzyklus in die Teilsysteme Kommissionieren, Fördern, Bereitstellen und Steuern unterteilt. Anhand der Anforderungen der Lean Production werden für die jeweiligen Systeme aus dem Stand der Technik Lösungsalternativen ausgewählt und in einer Typologie für Milkrunzyklen zusammengefasst. Des Weiteren werden Einflussgrößen ermittelt, die für die Auswahl der jeweiligen Lösungen im Rahmen der Planung herangezogen werden müssen. Um die Praxisrelevanz der ermittelten Lösungsalternativen und Einflussgrößen zu prüfen, werden drei Beispiele für Milkrunzyklen aus der Automobilzulieferindustrie, der Elektronikindustrie und dem Maschinenbau herangezogen. Das Gewichts der Behälter und die Auslastung des Milkrun-Mitarbeiters konnten dabei als wichtigste Einflussgrößen identifiziert werden.
Auf Basis der identifizierten Lösungsalternativen und der Einflussgrößen für die Auswahl wird die Planungssystematik entwickelt. Sie ist in die drei Phasen Voruntersuchung, Konzeptplanung und Aufgabenplanung unterteilt. In der Voruntersuchung werden Bestände, Bauteile und Behälter hinsichtlich ihrer Eignung für den Milkrun untersucht. Im Rahmen der Konzeptplanung werden anschließend Routen festgelegt und geeignete Fördermittel ausgewählt. Die Aufgabenphase schließlich bestimmt die erforderliche Personalkapazität für den Milkrunzyklus und erweitert bei vorhandener Restkapazität das Aufgabenspektrum des Milkrun-Mitarbeiters. Abschließend wird ein Fahrplan für den Milkrunzyklus festgelegt.
Die Planungssystematik wird abschließend in der Prozesslernfabrik CiP erprobt. Gegenstand der Planung ist zum einen die Materialversorgung des Lagers vor der Montage und die Versorgung der Montage selbst. Um zu prüfen, ob die Planungssystematik Milkrunzyklen hervorbringt, die effizienter sind als andere Konzepte der Produktionslogistik, wird der entwickelte Milkrunzyklus mit dem Konzept des Direktverkehrs hinsichtlich des Bedarfs an Personalkapazität verglichen.
Felix Brungs
Lean Logistik Lean Production Materialflussplanung innerbetriebliche Logistik