Das Buch handelt von einem spezifischen Thema, das von der germanistischen Fin-de-siècle-Forschung noch nicht ins Detail untersucht wurde. Die bemerkenswerte Präsenz Girolamo Savonarolas in mehreren Texten, vor allem Dramen, der letzten Jahrhundertwende darf schon wohl eine Inkongruenz innerhalb der Renaissancefiguren- Konstellation (Leonardo, Raffael, die Borgias, Machiavelli) darstellen, welche Protagonistin des damaligen Kults um die bildenden Künste und die anthropologischen und sozialen Ideale des italienischen Rinascimento war: Was hatte der dunkle, mittelalterliche, von Nietzsche gehasste Asket mit der Blütezeit der Renaissance zu tun? Von einem ideengeschichtlichen Gesichtspunkt her repräsentiert Savonarola einen fiktiven Archetypus des präfaschistischen Denkens, wie es beim konservativen Thomas Mann deutlich ist. Ein Vergleich zum Antagonisten der Spätrenaissance Giordano Bruno - dem Opfer um der Freiheit des Gedankens willen - klärt schon deutlich die politische Valenz der Figur in der Kultur um 1900. Denis Forasaccos Buch ist also ein an literaturgeschichtlichen, ästhetischen und kultur- und ideengeschichtlichen Anmerkungen reiches Werk, das nicht nur Literaturwissenschaftler, sondern Geistes- und Kulturwissenschaftler im Allgemeinen interessieren kann. Die Methodologie der Motivforschung dient hier einer umfangreicheren Untersuchung aller Windungen der komplexen Dekadenzepoche um 1900, ohne zu vernachlässigen, deren entsprechende Prämisse im ganzen 19. Jahrhundert zu vertiefen.
Denis Forasacco
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