Fast vierzig Jahre lang spekulierten Kubrick-Fans und Filmfreunde über den
geheimnisvollen Napoleon-Film des berühmten Regisseurs - ein Film, der nie
gedreht wurde. Es gab allenfalls lückenhafte Informationen in Form von
Gerüchten: dass Kubrick ein Drehbuch geschrieben hatte, dass für die
Dreharbeiten unter anderem spektakuläre Schlachtszenen vorgesehen waren,
dass bereits eine Unmenge an Recherchen angestellt worden waren. Und es
stimmte: Damals, im Jahre 1967, noch bevor die Nachbearbeitung von 2001:
Odyssee im Weltraum abgeschlossen war, arbeitete Regisseur Stanley Kubrick
bereits an einem großen Film über Napoleon Bonaparte.
Kubrick schrieb das Drehbuch dazu selbst - zum ersten Mal arbeitete er
allein an einem Originaldrehbuch, das sich auf seine umfangreichen
Recherchen stützte. Mit der Hilfe von Assistenten, die er in Büchereien,
Museen und andere Einrichtungen in ganz Europa entsandt hatte, trug er
eine enorme Bibliothek und Pinakothek zu Napoleon zusammen. Als
persönlichen Berater engagierte er eigens einen Oxford-Professor, dessen
Spezialgebiet napoleonische Geschichte war, und löcherte ihn in
persönlichen Gesprächen und in reger Korrespondenz mit allen erdenklichen
Fragen zum Thema. Seine Produktionsassistenten trugen 17.000 Dias zu
Napoleon und zu möglichen Drehorten für den Film zusammen, während
eine Gruppe von Oxford-Studenten eine Kartei anlegte, die als Datenbank für
alle Fakten zu Napoleon diente und sowohl nach Datum als auch nach
Personen durchsucht werden konnte. Wie ein Besessener arbeitete Kubrick
an der Recherche und Produktionsvorbereitung und drehte buchstäblich
jeden Stein um. Die Außenaufnahmen sollten in Rumänien und Frankreich
gedreht werden mit einem Budget - ohne Gagen und andere Kreativkosten -
von vier Millionen US Dollar, von denen ein Viertel für die gewaltigen
Schlachtszenen eingeplant war. Für die Titelrolle wurden verschiedene
Namen in die Runde geworfen, darunter Ian Holm, David Hemmings und
Jack Nicholson.
Im Juli 1968 gab MGM bekannt, dass man den Film produzieren werde und
die Dreharbeiten 1969 beginnen sollten, aber wenige Monate später fiel das
Vorhaben in sich zusammen. Daraufhin ließen United Artists verlauten, dass
sie die Produktion finanzieren würden, machten aber ebenfalls kurz darauf
einen Rückzieher. Ein historisches Epos, selbst unter der Regie des
großartigen Regisseurs der Odyssee im Weltraum, galt zur damaligen Zeit als
riskantes Unterfangen. So legte Kubrick das Projekt auf Eis und widmete sich
seinem nächsten Film, Uhrwerk Orange, doch als dieser Film 1971 in die
Kinos kam, kehrte er wieder zu seinem Napoleon zurück. Aber es hat leider
nicht sollen sein. Obwohl die Vorbereitungen so weit gediehen waren, dass
Kubrick schon fast so weit war, mit den eigentlichen Dreharbeiten zu
beginnen, fand sich kein Studio, das den Film produzieren wollte, weil man
fürchtete, ein Film über den französischen Kaiser würde beim Publikum
floppen. Gemessen an Kubricks Genie und seinem Engagement für diesen
Film kann man wohl mit Fug und Recht behaupten, dass sein Napoleon der
größte Film ist, der nie gedreht wurde.
Kubricks Recherchearbeit, seine Schriften und seine
Produktionsvorbereitungen zu diesem Film offenbaren sich in diesem
einzigartigen Buch anhand von Bildern, Notizen, Drehbuchentwürfen,
Drehort- und Recherchefotos, Büchern, Briefen etc. Dieses Buch enthält das
vollständige Original-Treatment, eine Einführung, die das gesamte Projekt
umreißt, eine kurze Abhandlung, in der das Drehbuch in einem historischen
Zusammenhang analysiert wird, sowie eine Niederschrift von Interviews, die
Kubrick mit Professor Felix Markham von der Universität Oxford führte. Das
Sahnehäubchen bildet das beigefügte Faksimile von Kubricks letztem
Drehbuchentwurf. In Wort und Bild lässt dieses Buch Kubricks niemals
realisierten Film im Detail lebendig werden. Es geht der Frage nach, was den
Regisseur an diesem Thema so faszinierte, und gewährt einen Blick auf das,
was hätte sein können. Nicht nur Kubrick-Fans und Amateurhistoriker, die
sich für das Leben Napoleons begeistern, sondern jeder, der an der
Geschichte des Kinos interessiert ist, wird fasziniert sein von dieser Studie
über Kubricks nie verwirklichtes Meisterwerk.
Christiane Kubrick