Schöpferische Prozesse wahrnehmen und in ihrer grundsätzlichen Bedeutung verstehen zu wollen, ist Anliegen dieses Buches. Sie werden als Grundbewegungen untersucht, durch welche die Menschen überhaupt erst zu neuen Selbst- und Weltbildern kommen. Dies geschieht in vieldimensional zu beschreibenden Umbrüchen und Umstrukturierungsprozessen, durch die grundsätzlich neue Wahrnehmungs-, Erfahrungs- und Denkweisen hervorgebracht werden.
In einer besonderen Weise sichtbar wird dies in den Entstehungsprozessen großer Werke, die eine ganze Zeitepoche bis in das Lebensgefühl der Menschen hinein verändern. Am Beispiel Picassos kann dieser dimensionale Schritt nachvollzogen werden. Prozesse, die zu Wendepunkten im Leben jedes einzelnen Menschen führen können, werden beispielhaft am Übergang des Kleinkindes von der Kritzelzeichnung zum gegenständlichen Zeichnen vergegenwärtigt. All dies hat Folgen für das Verständnis schöpferischer Prozesse. Schöpferische Prozesse sind keine besonderen Vorkommnisse, sondern im Grunde der Vorgang, aus dem deutlich wird, dass und wie der Mensch zu einem welt-gebildeten und welt-bildenden Akteur wird. Pädagogen, die kreative Prozesse fördern möchten, müssten ihre Rolle neu definieren, dürften sich selbst und ihr Wissen nicht als außerhalb des Prozesses sehen. Erst die Einsicht in dieses Prozessgeschehen und die gleichzeitige aktive Mitgestaltung darin machen schöpferisch.
INHALT
Vorwort von Gerd E. Schäfer
Einführung
Teil I: Vorfragen
1 Phänomenologie
1.1 Einleitung
1.2 Husserl: Intentionalität und Konstitution
1.3 Kritische Weiterführungen im Anschluss an Husserl
1.3.1 Ütrechter Schule: Kindliche Lebenswelten
1.3.2 Merleau-Ponty: Leiblichkeit und Wahrnehmung
1.3.3 Phänomenologische Pädagogen in Deutschland (Meyer-Drawe, Lippitz, Danner, u.a.)
1.3.3.1 Rehabilitation lebensweltlicher Erfahrung
1.3.3.2 Beispielverstehen
1.3.3.3 Konstitution
1.3.3.4 Horizonteröffnung
1.4 Heidegger: „Dasein“ als „In-der-Welt-sein“
1.4.1 Befindlichkeit und Verstehen
1.4.2 Zeugzusammenhang und Mitsein mit anderen
1.4.3 Heidegger in der Pädagogik
1.5 Rombach: Strukturphänomenologie
1.5.1 Der Mensch im Phänomen
1.5.2 Grundphänomen
2 Geschichtliche Herleitung der Frage und Forschungsansätze
2.1 Von der Antike bis zur Neuzeit
2.2 Friedrich Nietzsche
2.3 Sigmund Freud
2.4 Kreativität und das Schöpferische im 20. Jahrhundert
2.4.1 Die Kunsterziehungsbewegung
2.4.2 „Der schöpferische Geist des Kindes“ Maria Montessori
2.4.2.1 Bild vom Kind
2.4.2.2 Kritik
2.4.3 Kreativitätsforschung
Teil II: Das Phänomen der Dimension
3 Die Entstehung einer neuen Dimension
3.1 Was ist eine Dimension?
3.2 Dimension - Horizont
4 Das Phänomen „Picasso“
4.1 Der Picasso der „Blauen Periode“
4.2 Der Durchbruch mit „Les Demoiselles d’Avignon“
4.2.1 Zur Vorgeschichte des Bildes
4.2.1.1 Cezanne
4.2.1.2 Afrikanische Plastik
4.2.2 Das afrikanische Element in Picassos Kunst
4.3 Picassos Welt: „Er schuf eine Welt und diese Welt atmet und umgibt uns“
4.3.1 Intensität und Augenblick
4.3.2 Liebe und Malerei: Beziehung zu den Frauen
4.4 Weitere Entwicklung: Portraits als Masken
4.4.1 Form/Interpretation/Ausstrahlung
4.4.2 Verdichtung
4.5 Picassos Bild vom Menschen
4.6 Gardners Picassointerpretation
5 Der Schritt von der Kritzelphase zum gegenständlichen Zeichnen
5.1 Formensprache und Welterleben
5.2 Zum Verständnis der Kritzelphase in der Literatur
5.3 Abstrakte Malerei
5.4 Kritzelzeichnung anhand von Beispielen
5.5 Übergang
6 Zusammenführung: Das Schöpferische im Leben jedes Menschen
Teil III: Grundzüge des schöpferischen Prozesses
7 Das Innere des Prozessgeschehens
7.1 Einführung
7.2 Was kommt vor dem Anfang - oder: Kein Blitz kommt aus
heiterem Himmel
7.3 Einbruch und Durchbruch
7.4 Eigendynamik
7.4.1 Das Ich im Prozess
7.4.2 Der Fund und das Ich
7.4.3 Identifikation
7.5 Einarbeiten von Vorgegebenheit - Vereignung
7.5.1 Die Vergangenheit ist nicht vorgegeben
7.5.2 Vereignung
7.5.3 Überformung und Mimesis
7.5.4 Der Umgang mit Fehlern
7.5.5 Beispiel Korczak
7.6 Untergang
Teil IV: Ich und Welt im schöpferischen Prozess
8 Die Dinge
8.1 Einführung und geschichtliche Schlaglichter
8.2 „Die Dinge Dinge sein lassen“ (Heidegger)
8.3 „Der Aufstand der Dinge“ (Kästner)
8.4 „Sich den Dingen als solchen und sich selbst zuwenden“ (Merleau-Ponty)
8.4.1 „Der Maler bringt seinen Körper ein“
8.4.2 Das Sehen des Malers
8.4.2.1 „Der Maler macht sichtbar, was das alltägliche Sehen für unsichtbar hält“
8.4.2.2 Eröffnung einer Dimension
8.4.2.3 Von der Umkehrung des Sehens
8.4.2.4 Wie nimmt das Ding Form an? Wie erwacht es zum Leben?
8.5 „Das Ding in der Welt des Kindes“ (Langeveld)
8.6 Pädagogische Schlussfolgerungen für die Beziehung von Kind und Ding
8.7 „Was tun wir mit dem Ding, was tut es mit uns?“ (Selle)
9 Die Iche
9.1 Geschichte des Ich und Konzepte von Ich
9.1.1 Die Tradition
9.1.2 Das Aufbrechen des Ich (Nietzsche/Dilthey/Freud/Foucault)
9.1.3 Symbolischer Interaktionismus
9.1.3.1 Entstehung von Identität
9.1.3.2 Kritik
9.1.4 Konstruktivismus
9.1.4.1 Grundannahmen
9.1.4.2 Kritik
9.1.4.3 Pädagogischer Konstruktivismus
9.2 Konstitutionsprozesse des Ich
9.2.1 Die Konstitution des Ich
9.2.2 Multiples Ich
9.2.2.1 Bildung der Iche in Stufen
9.2.2.2 Wie kommt es zu dem Ichpol einer neuen Dimension?
9.2.3 Präsenz und Situativität
9.2.4 Zur Subjektverfasstheit vermeintlich theoretischer Erkenntnisse
9.2.5 Genese des Ich: schöpferisch
Teil V: Schöpferische Prozesse im pädagogischen Feld
10 Beispiel Reggiopädagogik
10.1 Geschichtliche Entwicklung, Struktur und Organisation
10.2 Das Bild vom Kind
10.2.1 Das Kind ist reich: Es hat Hundert Sprachen
10.2.2 Das Kind ist stark: Es ist Gestalter seiner Entwicklung
10.2.3 Das Kind ist mächtig: Es befindet sich in und entsteht aus Beziehungen
10.2.4 Wo aber sind die starken, reichen und mächtigen Kinder?
10.3 Prozesse der Kreativität in Projekten
10.3.1 Beispiel: Projekt Menschenmenge
10.3.2 Was macht das Schöpferische dieses Prozesses aus?
10.4 Ich- und Welt-bildung
10.4.1 Wahrnehmung
10.4.2 „Sich Verlieben“ als Form des In-Beziehung-Tretens
10.4.3 „Negoziazione“ als Weise des In-Beziehung-Tretens
10.4.4 Vermehrung der Bilder
10.4.5 Zusammenfassung
10.5 Rolle der Erwachsenen in derartigen Prozessen
10.5.1 Beobachten und Impulse geben
10.5.2 Dokumentation
10.6 Kritik
Schluss
Literatur
Bildnachweis
Ursula Stenger