Der Erziehungswissenschaft ist es bisher schwer gefallen, sich mit dem Thema "Differenzen" genauer zu beschäftigen. In der pädagogischen Literatur findet man den Begriff kaum als einen einheimischen Begriff. Hat die Pädagogik eine Entwicklung ignoriert, die anthropologisch und soziologisch hätte reflektiert werden sollen? Hat sie mit dem Blick auf "das Große und Ganze" davon abgelenkt, dass sich jenseits des "allen gemeinen" vielfältige Formen und Ausprägungen von Differenzen entwickelt haben? Oder waren jene Differenzen, für die pädagogisches Handeln verantwortlich war, gar als Medium der Reproduktion gesellschaftlicher Ungleichheit willkommen und als solche nicht zu hinterfragen?
Umgekehrt muss man fragen, warum die Themen "Vielfalt" und "Differenz" heutzutage aktuell geworden sind. Drückt sich darin ein Verlust des Gemeinsamen aus? Wird das allen Gemeine ergänzt oder gar ersetzt durch Beliebigkeit? Feiert das Subjekthafte Triumph? Lösen sich Verbindlichkeiten auf, ohne dass neue entstehen?
Die Frage nach der Bedeutung von Differenzen kann man offenbar in einem ersten Ansatz ganz verschieden, ja gegensätzlich fortführen: Haben wir zu viel Differenzen, nämlich 'unnötige', willkürliche, einschränkende, also solche, die gar nicht entstanden sein müssten oder beseitigt werden sollten? Oder haben wir zu wenig Differenzen, weil Unterschiede nicht zugelassen werden, einheitliche Maßstäbe auch dort angelegt werden, wo es gar nicht nötig wäre oder gar hinderlich ist? Vielleicht ist es diese Unklarheit, die bisher das Thema Differenzen nicht ins Bewusstsein gelassen hat. In welchen Dimensionen können wir Unterschiede beschreiben, wie sollen wir sie bewerten und wie sollen wir mit ihnen umgehen? Dieser Band trägt dazu bei, diese Fragen bewusst zu machen und sie ein Stück weit zu analysieren. Lösungen wird es derzeit nur in Ansätzen geben können.
Inhalt:
Vorwort
Bernd Zymek: Re-Partikularisierung des Bildungssystems? Historische Anmerkungen zu aktuellen Strategien der Schulreform
Heinz-Elmar Tenorth: Kanon: Prinzipien, Selektivität und Willkür.
Differenz und Gleichheit in Lehrplänen
Luise Winterhager-Schmid: "Nur Turner und sonst nichts". Die Turnjugend als egalitäre Jugendbewegung in Deutschland
Hartmut Titze: Zensuren in der modernen Gesellschaft. Zur Selbstbeurteilung und Fremdbeurteilung schulischer Leistungsdifferenzen
Axel Nath: Bildungswachstum und soziale Differenzen. Gibt es Anlass zum Bildungspessimismus?
Helmut Heid: Chancengleichheit unter den Bedingungen sozialstruktureller Ungleichkeit. Zur gesellschaftlichen Funktion eines Legitimationsmusters
Wulf Hopf: Chancengleichheit und Individualisierung. Zur Revision eines bildungspolitischen Ziels
Jörg Schlömerkemper: Bildung - Gleichheit - Differenz. Gründe und Perspektiven eines "ewigen Streits"
Eckart Liebau: Allgemeinbildung heute. Überlegungen zu einer Pädagogik der Teilhabe
Gustava Schefer-Viëtor: Rituale in der Schule. Über Differenzen und symbolische Gemeinsamkeiten
Günter Schreiner: Geschlecht und Emotionalität. Erkundungen zu Differenzen im Gefühlsleben Jugendlicher
Hermann Giesecke: Zwischen Nähe und Distanz. "Soziales Lernen" in Familie und Schule
Dieter Wunder: Politische Interessenvertretung des Bildungssystems? Ein Versuch, Differenzen zu bearbeiten
Lothar Wigger und Christiane Henkel: Differenzierung der Erziehungswissenschaft. Zur Entwicklung ihrer Lehrgestalt an der Reformuniversität Bielefeld
Klaus Winkel: Auf dem Weg zu einer professionellen Lehrerbildung? Wie durch ein Zentrum für Lehrerbildung die Differenzen zwischen Theorie und Praxis gemildert werden können
Frühere Publikationen in der "Deutschen Schule"
Eine Auswahlbibliographie
Jörg Schlömerkemper