Der Schweizer Theologe und Historiker August Hasler versucht in dieser großangelegten Studie einen Beitrag zu leisten zur Frage, wie und weshalb es gelingen konnte, 1870 die päpstliche Unfehlbarkeit zu definieren und anschließend als neues Dogma durchzusetzen. Gleichzeitig werden in der Geschichtsschreibung des 1.Vatikanischen Konzils neue Akzente gesetzt. Kirchliche Interessen und eine zu schmale Quellenbasis führten bisher dazu, daß die Geschehnisse des 1.Vatikaniums meist verharmlost wurden.
In einem ersten Teil untersucht Hasler Vorgeschichte und Manipulation der Unfehlbarkeitsdebatte. Dabei zeigt sich der Druck der Infallibilisten auf die Bischöfe als derart massiv, daß die Frage nach der Freiheit des 1. Vatikanischen Konzils neu gestellt werden muß. Pius IX. ist im Kreis der Kämpfer für das Infallibilitätsdogma Schlüsselfigur. Sein Glaube an eine ihm von Gott aufgetragene Mission, die Unfehlbarkeit zu definieren, und seine psychischen Eigenschaften machten ein Dogma möglich, das heute vermutlich nicht mehr zustandekommen würde.
Diese Thesen werden unterstützt durch die im zweiten Teil unternommene Analyse der Argumentation für und gegen die päpstliche Unfehlbarkeit. Obwohl die bischöflichen Gegner des neuen Dogmas überzeugend nachweisen, daß die für die päpstliche Unfehlbarkeit vorgebrachten Argumente nicht stichhaltig sind, geht die Konzilsmajorität einer wirklichen Auseinandersetzung aus dem Weg. Mit Hunderten von nicht hinterfragten Argumenten aus der Geschichte tritt sie den Traditionsbeweis an. Es kann ihr daher der Vorwurf nicht erspart bleiben, eine rituelle Scheindiskussion zu führen und die Geschichte zu mißbrauchen.
Nach der feierlichen Verkündigung der päpstlichen Unfehlbarkeit am 18. Juli 1870 setzen sich die manipulativen Prozesse fort. In der Unterwerfungsgeschichte der Minoritätsbischöfe - dem dritten Teil von Haslers Untersuchung - wird deutlich, wie sich die früheren Gegner der Definition aus Angst vor römischen Sanktionen und einer Kirchenspaltung der neuen Situation anpassen. Als hilfreich erweist sich ihnen dabei der Versuch, das neue Dogma im Sinne ihrer früheren Auffassungen zu interpretieren. Die Lenkung der Konzilsgeschichtsschreibung und eine restriktive Archivpolitik lassen die wirklichen Geschehnisse des Konzils bald in den Hintergrund treten und tragen unter anderem bei zur Entstehung der Legende, die Konzilsopposition habe nur der Opportunität des neuen Dogmas gegolten.
Rückblickend erweist sich die Unfehlbarkeitsdefinition des 1. Vatikanischen Konzils als Musterbeispiel für die Dogmatisierung und Durchsetzung einer Ideologie.
August B Hasler
Pius (Papst, IX.) Päpstliche Unfehlbarkeit Vatikanisches Konzil, 1.